Wie kann ich selbstbewusster werden?
Selbstbewusster wirst du nicht allein durch eine aufrechte Körperhaltung, Schlagfertigkeit oder positives Denken. Entscheidend ist, dass du dich selbst besser kennenlernst, dir etwas zutraust, deine Stärken und Schwächen akzeptierst und auch in schwierigen Situationen zu dir stehen kannst.
Echtes Selbstbewusstsein bedeutet nicht, unangreifbar zu sein. Es bedeutet, dass du dich selbst kennst und mit dir umgehen kannst – auch wenn du Fehler machst, Angst hast oder nicht allen gefällst.
Hör auf, Selbstbewusstsein zu spielen
Wenn du nach Tipps für mehr Selbstbewusstsein suchst, bekommst du häufig dieselben Ratschläge:
Brust raus. Gerade stehen. Blickkontakt halten. Selbstsicher sprechen. Fester Händedruck.
Das ist nicht grundsätzlich falsch. Unser Auftreten kann beeinflussen, wie wir auf andere wirken und wie wir uns selbst fühlen.
Aber es bleibt oft an der Oberfläche.
Was nützt dir die beste Körpersprache, wenn du dich nicht traust, deinem Partner zu widersprechen?
Was bringt dir Schlagfertigkeit, wenn dich eine einzige kritische Bemerkung tagelang beschäftigt?
Und wie selbstbewusst bist du wirklich, wenn du beruflich alles im Griff hast, dich aber privat ständig fragst, ob du gut genug bist?
In meinen Coachings arbeite ich mit Menschen an Beziehungen, Karriere, Konflikten, Entscheidungen, Selbstwert und persönlicher Entwicklung.
Und erstaunlich oft landen wir irgendwann bei derselben Frage:
Vertraust du dir selbst?
Nicht nur dann, wenn alles gut läuft.
Sondern auch dann, wenn du unsicher bist, einen Fehler gemacht hast oder jemand anderer Meinung ist.
Warum ich mit fast jedem Klienten am Selbstvertrauen arbeite
Menschen kommen mit ganz unterschiedlichen Anliegen zu mir.
Ein Mann möchte sich im Beruf besser durchsetzen. Eine Frau möchte eine unglückliche Beziehung verlassen. Jemand möchte endlich Nein sagen können, eine Lohnerhöhung verlangen, sich selbständig machen oder eine schwierige Entscheidung treffen.
Die Themen unterscheiden sich. Die Fragen dahinter ähneln sich häufig.
Vertraust du deiner Wahrnehmung?
Nimmst du deine Gefühle und Bedürfnisse ernst?
Traust du dir zu, mit den Folgen deiner Entscheidungen umzugehen?
Oder vertraust du grundsätzlich allen anderen mehr als dir selbst?
Deinen Eltern, deinem Partner, deinen Freunden, deinem Chef oder irgendwelchen Experten?
Natürlich brauchen wir andere Menschen. Ihre Erfahrungen, Meinungen und Rückmeldungen können sehr wertvoll sein.
Aber wenn du ständig jemanden brauchst, der dir bestätigt, dass du richtig denkst, richtig fühlst und richtig handelst, wird dein Leben ziemlich anstrengend.
Du gibst anderen damit viel Macht über deine Entscheidungen und dein Selbstbild.
Das Ziel ist nicht, niemandem mehr zuzuhören.
Das Ziel ist, anderen zuhören zu können, ohne dich selbst dabei zu verlieren.
Warum Schlagfertigkeit nicht unbedingt selbstbewusst macht
Ein Politiker bat mich einmal um Coaching.
Er wollte lernen, sich in politischen Talkshows wie der Arena besser zu verteidigen.
Verständlich. Er wusste genau, dass seine politischen Gegner seine Schwächen kennen und jede Gelegenheit nutzen würden, um ihn anzugreifen.
Aber weshalb sollte er seine Energie ausschliesslich darauf verwenden, sich zu verteidigen?
Mich interessierte eine andere Frage:
Was wäre, wenn du deine Angriffsflächen so gut kennst, dass du sie nicht mehr ständig verstecken musst?
Denn wer von uns ist schon unangreifbar?
Wir alle haben Schwächen, Eigenheiten, Widersprüche und Dinge, die wir lieber nicht an die grosse Glocke hängen.
Aber vielleicht müssen wir das gar nicht.
Stell dir vor, jemand wirft dir vor, du seist stur.
Du könntest dich verteidigen und erklären, weshalb das überhaupt nicht stimmt.
Oder du antwortest mit einem Lächeln:
«Stimmt. Und manchmal ist das sogar eine meiner besten Eigenschaften.»
Jemand wirft dir vor, du seist zu emotional.
«Ja, gewisse Dinge sind mir tatsächlich nicht egal.»
Oder jemand bezeichnet dich als unbequem.
«Das kann gut sein. Ich bin allerdings auch nicht hier, um es allen bequem zu machen.»
Das sind keine Zaubersprüche. Und natürlich passt nicht jede Antwort in jede Situation.
Aber merkst du den Unterschied?
Du musst nicht jeden Angriff zurückgeben. Du musst nicht jede Schwäche wegdiskutieren. Und du musst schon gar nicht jeden Menschen davon überzeugen, dass du grossartig bist.
Du kannst sogar über dich selbst lachen.
Und manchmal kannst du etwas tun, das viel mehr Grösse zeigt als der brillanteste Konter:
Einen Fehler eingestehen.
«Da habe ich mich tatsächlich geirrt.»
Oder:
«Das war nicht in Ordnung von mir. Es tut mir leid.»
Eine ernst gemeinte Entschuldigung macht dich nicht kleiner. Sie zeigt, dass du deinen Selbstwert nicht davon abhängig machst, immer recht zu haben.
Natürlich muss man nicht jeden Vorwurf akzeptieren. Manchmal ist Kritik unfair, manchmal manipulativ und manchmal schlicht falsch. Dann darfst du widersprechen oder eine klare Grenze setzen.
Aber wenn du dich selbst kennst, muss nicht dein Gegenüber darüber entscheiden, welche deiner Eigenschaften eine Schwäche ist.
Genau daran arbeiteten wir im Coaching.
Nicht nur an Schlagfertigkeit, sondern an Authentizität und einem bewussteren Umgang mit den eigenen Stärken und Schwächen.
Du wirst nicht selbstbewusst, indem du unangreifbar wirst. Sondern indem du lernst, mit deinen Angriffsflächen selbstbewusst umzugehen.
Ich war selbst nicht immer selbstbewusst
Wenn du mich heute erlebst, könntest du denken, dass ich schon immer ziemlich selbstbewusst war.
War ich nicht.
Ich kenne Selbstzweifel, Angst vor Ablehnung, das Bedürfnis nach Anerkennung und den Wunsch, es anderen recht zu machen.
Manches davon kenne ich übrigens heute noch.
Der entscheidende Unterschied?
Ich glaube heute nicht mehr alles, was mein Kopf mir erzählt.
Wenn ich an mir zweifle, bedeutet das nicht automatisch, dass ich unfähig bin.
Wenn ich Angst habe, bedeutet das nicht automatisch, dass ich etwas nicht tun sollte.
Und wenn mich jemand kritisiert, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass mit mir etwas nicht stimmt.
Früher dachte ich, Selbstvertrauen sei etwas, das manche Menschen besitzen und andere eben nicht.
Heute sehe ich es anders.
Selbstvertrauen ist für mich auch eine Beziehung zu mir selbst. Und wie jede Beziehung wird sie durch Erfahrungen geprägt.
Durch Ehrlichkeit. Verlässlichkeit. Konflikte. Entscheidungen. Fehler. Grenzen. Verantwortung.
Nicht durch die Illusion, irgendwann perfekt zu sein.
Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein, Selbstsicherheit und Selbstwert – was ist der Unterschied?
Diese vier Begriffe werden häufig durcheinandergebracht. Sie hängen eng zusammen, bedeuten aber nicht dasselbe.
Selbstvertrauen: Kann ich mich auf mich verlassen?
Selbstvertrauen bedeutet, dass du dir zutraust, Herausforderungen zu bewältigen und mit Schwierigkeiten umzugehen.
Du musst nicht alles können oder für jedes Problem eine Lösung haben.
Aber du hast eine gewisse Zuversicht, dass du handeln, lernen und bei Bedarf Unterstützung finden kannst.
Selbstbewusstsein: Wie gut kenne ich mich selbst?
Selbstbewusstsein bedeutet im wörtlichen Sinn, dir deiner selbst bewusst zu sein.
Du kennst deine Gedanken, Gefühle, Bedürfnisse, Werte, Stärken und Schwächen.
Du erkennst vielleicht auch, weshalb dich gewisse Menschen auf die Palme bringen, warum du Konflikten ausweichst oder weshalb du in bestimmten Situationen besonders empfindlich reagierst.
Das klingt einfach. Ist es aber häufig nicht.
Denn wir alle haben blinde Flecken.
Selbstsicherheit: Wie gehe ich mit mir und anderen um?
Selbstsicherheit zeigt sich häufig in deinem Verhalten.
Du kannst deine Meinung vertreten, Entscheidungen treffen, Fragen stellen, Grenzen setzen und Kritik aushalten.
Ohne dass du dabei besonders laut, dominant oder schlagfertig sein musst.
Ein ruhiger Mensch kann ausgesprochen selbstsicher sein.
Und jemand, der ständig das grosse Wort führt, kann innerlich sehr unsicher sein.
Selbstwert: Bin ich auch dann wertvoll, wenn ich scheitere?
Hier geht es um etwas Grundsätzliches.
Wie bewertest du dich als Mensch?
Bist du nur dann zufrieden mit dir, wenn du erfolgreich bist, gut aussiehst, Leistung bringst oder Anerkennung bekommst?
Oder kannst du deinen Wert auch dann anerkennen, wenn du versagst, krank bist, zurückgewiesen wirst oder eine schwierige Lebensphase durchmachst?
Selbstwert und Selbstvertrauen beeinflussen sich gegenseitig. Aber sie sind nicht dasselbe.
Du kannst dir beruflich sehr viel zutrauen und trotzdem an deinem persönlichen Wert zweifeln.
Und du kannst einen stabilen Selbstwert haben, obwohl du dir eine bestimmte Aufgabe noch nicht zutraust.
Du musst nicht alles können, um dich als Mensch wertvoll zu fühlen.
Wie kannst du dein Selbstvertrauen konkret stärken?
Du brauchst dafür nicht jeden Morgen vor dem Spiegel zu stehen und dir zu erzählen, wie wunderbar du bist.
Wichtiger sind die Erfahrungen, die du im Alltag mit dir selbst machst.
1. Werde für dich selbst verlässlich
Wenn du anderen etwas versprichst, erwartest du vermutlich, dass sie ihr Wort halten.
Warum sollte das bei dir selbst anders sein?
Wenn du dir ständig etwas vornimmst und es dann nicht tust, kann das dein Vertrauen in die eigene Verlässlichkeit untergraben.
Deshalb empfehle ich häufig, kleiner anzufangen.
Nicht: Ab morgen trainiere ich jeden Tag zwei Stunden.
Sondern: Diese Woche gehe ich zweimal ins Training.
Nicht: Ab jetzt ändere ich mein ganzes Leben.
Sondern: Heute erledige ich eine Sache, die mir wichtig ist.
Du brauchst keine perfekte Erfolgsquote.
Aber du solltest erleben können, dass du dich auf deine eigenen Entscheidungen verlassen kannst.
Und wenn du etwas nicht schaffst, prüfe ehrlich, woran es lag. Vielleicht war dein Ziel unrealistisch. Vielleicht warst du erschöpft. Vielleicht hast du dich übernommen.
Nicht jedes unerledigte Vorhaben ist ein Charakterfehler.
2. Hör auf, ständig auf den richtigen Moment zu warten
Viele Menschen glauben, dass sie erst genügend Selbstvertrauen brauchen, bevor sie etwas Schwieriges tun können.
Oft funktioniert es umgekehrt.
Du wagst etwas, machst Erfahrungen und entwickelst dadurch mehr Zutrauen.
Du musst nicht völlig angstfrei sein, um eine Entscheidung zu treffen.
Manchmal reicht es, dass du genügend Gründe hast, sie trotz deiner Angst zu treffen.
Wenn du wichtige Dinge immer wieder aufschiebst, lohnt sich auch mein Artikel Warum schiebe ich alles auf? 61 Tipps gegen Prokrastination.
3. Lerne Nein zu sagen – und ein Nein auszuhalten
Wenn du deine eigenen Bedürfnisse ständig ignorierst, um anderen zu gefallen, wird es schwierig, dir selbst zu vertrauen.
Das bedeutet nicht, dass deine Bedürfnisse immer wichtiger sind als diejenigen anderer Menschen.
Aber sie sind auch nicht grundsätzlich weniger wichtig.
Du darfst Nein sagen.
Und du darfst akzeptieren, dass dein Nein jemand anderem nicht gefällt.
Vielleicht ist dein Partner enttäuscht. Vielleicht reagiert deine Mutter beleidigt. Vielleicht findet dein Chef deine Entscheidung unangenehm.
Enttäuschung ist nicht automatisch ein Beweis dafür, dass du etwas falsch gemacht hast.
Mehr dazu in meinem Artikel Grenzen setzen lernen: Was Abgrenzung wirklich bedeutet.
4. Übernimm Verantwortung, ohne dich fertigzumachen
Selbstbewusste Menschen machen Fehler.
Sie verletzen andere, treffen falsche Entscheidungen und schätzen Situationen manchmal völlig falsch ein.
Entscheidend ist, wie sie damit umgehen.
Kannst du zugeben, dass du falsch gelegen hast?
Kannst du dich entschuldigen, ohne sofort zehn Gründe zu liefern, warum du eigentlich gar nichts dafürkannst?
Kannst du Verantwortung übernehmen, ohne dich anschliessend tagelang als schlechten Menschen zu verurteilen?
Ich finde, darin zeigt sich sehr viel persönliche Grösse.
Du darfst etwas falsch gemacht haben, ohne deshalb als Mensch falsch zu sein.
Und Verantwortung bedeutet nicht, für alles verantwortlich zu sein, was dir passiert.
Gerade Menschen, die schwere Verletzungen oder Übergriffe erlebt haben, müssen nicht erst nach ihrer eigenen Mitschuld suchen, um wieder handlungsfähig zu werden.
5. Bitte um Hilfe
Viele Menschen halten es für ein Zeichen von Stärke, alles alleine bewältigen zu können.
Ich sehe das anders.
Wenn du dir selbst vertraust, darfst du auch wissen, wo deine Grenzen liegen.
Du darfst Fragen stellen, einen Rat einholen oder Unterstützung annehmen.
Du musst nicht alles wissen.
Und du musst nicht alles alleine schaffen.
Selbstbewusstsein beginnt mit Ehrlichkeit
Einer meiner wichtigsten persönlichen Grundsätze lautet:
Ich verarsche und belüge mich eben nicht auch noch selber.
Das klingt vielleicht etwas derb. Aber genau so meine ich es.
Wenn ich traurig bin, darf ich traurig sein.
Wenn ich Angst habe, darf ich Angst haben.
Wenn ich verletzt bin, muss ich mir nicht einreden, dass mich das überhaupt nicht interessiert.
Und wenn ich jemanden beneide, muss ich mich dafür nicht gleich verurteilen.
Ich kann mich stattdessen fragen, was mir dieses Gefühl zeigen könnte.
Vielleicht wünsche ich mir etwas, das ich mir selbst bisher nicht erlaubt habe.
Vielleicht vergleiche ich mich ständig mit anderen.
Vielleicht habe ich Angst, nicht zu genügen.
Gefühle sind wichtige Informationen. Aber sie sind nicht immer zuverlässige Urteile über die Wirklichkeit.
Deshalb geht es nicht darum, jedem Gefühl sofort zu folgen.
Sondern darum, es wahrzunehmen, zu verstehen und dann möglichst bewusst zu entscheiden, wie du handeln möchtest.
Mehr dazu findest du in meinem Artikel Umgang mit negativen Emotionen.
Eine Frage, die dein Selbstvertrauen verändern kann
«Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.»
Diesen berühmten Satz von Friedrich Nietzsche halte ich für problematisch.
Denn nicht alles, was wir überleben, macht uns stärker.
Manche Erfahrungen hinterlassen Narben. Manche erschüttern unser Vertrauen in andere Menschen, in die Welt oder in uns selbst.
Und manchmal braucht es Jahre, um sich davon zu erholen.
Du musst aus einer schmerzhaften Erfahrung keine Erfolgsgeschichte machen.
Aber vielleicht lohnt es sich, eine andere Frage zu stellen:
Was hat diese Erfahrung mit meinem Vertrauen in mich selbst gemacht?
Vielleicht hast du nach einer schmerzhaften Trennung angefangen, an deiner Liebenswürdigkeit zu zweifeln.
Vielleicht hat dich eine Kündigung glauben lassen, dass du nicht gut genug bist.
Vielleicht hast du dich in einem Konflikt nicht gewehrt und wirfst dir das bis heute vor.
Doch ist das wirklich ein Beweis dafür, dass du schwach, unfähig oder wertlos bist?
Oder hast du irgendwann begonnen, eine schmerzhafte Erfahrung mit einem Urteil über dich selbst zu verwechseln?
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Eine Beziehung kann scheitern, ohne dass du als Mensch gescheitert bist.
Du kannst eine falsche Entscheidung treffen, ohne deshalb ein Versager zu sein.
Du kannst Angst haben, überfordert sein oder Hilfe brauchen, ohne dass dir deshalb grundsätzlich Selbstvertrauen fehlen muss.
Und du kannst Fehler machen, Verantwortung dafür übernehmen, dich entschuldigen und daraus lernen.
Selbstvertrauen entsteht nicht dadurch, dass dir nichts mehr passiert. Sondern auch dadurch, dass du lernst, dich selbst in schwierigen Situationen nicht im Stich zu lassen.
Und wenn du dich in der Vergangenheit tatsächlich im Stich gelassen hast?
Auch dann ist nicht alles verloren.
Du kannst heute anfangen, anders mit dir umzugehen. Bei tiefen Verletzungen manchmal mit professioneller Unterstützung und in deinem eigenen Tempo.
Vielleicht ist also nicht die wichtigste Frage, ob dich deine Vergangenheit stärker gemacht hat.
Sondern:
Wie möchtest du heute mit dir umgehen – gerade dort, wo du noch verletzt, unsicher oder nicht perfekt bist?
Was habe ich eigentlich davon, unsicher zu bleiben?
Diese Frage stelle ich im Coaching gerne.
Nicht, um jemandem seine Unsicherheit vorzuwerfen.
Sondern weil Unsicherheit manchmal auch eine Funktion erfüllt.
Wenn ich mich nicht bewerbe, kann ich keine Absage bekommen.
Wenn ich meine Meinung nicht sage, muss ich keinen Konflikt aushalten.
Wenn ich niemandem zeige, dass ich verliebt bin, kann ich nicht auf dieselbe Weise zurückgewiesen werden.
Und wenn ich mich gar nicht erst entscheide, muss ich mich vielleicht auch nicht mit einer falschen Entscheidung auseinandersetzen.
Unsicherheit kann uns also kurzfristig vor unangenehmen Erfahrungen schützen.
Der Preis dafür kann allerdings hoch sein.
Wir verzichten auf Möglichkeiten, Beziehungen, Entwicklung und manchmal auf ein Leben, das wir eigentlich gerne führen würden.
Deshalb finde ich zwei Fragen hilfreich:
Wovor schützt mich meine Unsicherheit?
Und:
Ist dieser Schutz den Preis noch wert?
Wichtig ist allerdings, zwischen einer unbegründeten Befürchtung und einer realen Gefahr zu unterscheiden.
Nicht jede Unsicherheit muss überwunden werden. Manchmal ist Vorsicht ausgesprochen vernünftig.
Vielleicht fehlt dir gar nicht Selbstvertrauen
Manchmal versuchen Menschen jahrelang, selbstbewusster zu werden, obwohl sie eigentlich an einem ganz anderen Thema arbeiten müssten.
Vielleicht fehlt es dir nicht an Selbstvertrauen, sondern an Klarheit darüber, was du möchtest.
Vielleicht kennst du deine Bedürfnisse, traust dich aber nicht, sie auszusprechen.
Vielleicht hast du kein Problem mit deinem Selbstwert, sondern damit, Konflikte auszuhalten.
Vielleicht zweifelst du nicht an deinen Fähigkeiten, sondern hast Angst vor den Konsequenzen einer Entscheidung.
Oder vielleicht versuchst du ständig, ein Mensch zu werden, der du gar nicht sein möchtest.
Das sind unterschiedliche Themen. Und sie brauchen unterschiedliche Lösungen.
Es ist deshalb sinnvoll, genauer hinzuschauen, bevor du versuchst, dich mit irgendwelchen Selbstbewusstseinsübungen zu optimieren.
Du bist mehr als deine Leistung
Viele meiner Klienten haben beruflich bereits sehr viel erreicht.
Sie führen Unternehmen, tragen Verantwortung, verdienen gut oder haben sich ein Leben aufgebaut, von dem andere träumen.
Und trotzdem zweifeln sie an sich.
Manche haben das Gefühl, niemals genug zu leisten. Andere glauben, dass sie sich Anerkennung und Liebe immer wieder neu verdienen müssen.
Aber was passiert, wenn du plötzlich weniger leisten kannst?
Wenn du krank wirst?
Wenn dein Unternehmen scheitert?
Wenn eine Beziehung zerbricht?
Wenn du älter wirst und nicht mehr alles so mühelos funktioniert wie früher?
Bist du dann weniger wert?
Ich glaube nicht.
Natürlich dürfen wir stolz auf unsere Leistungen sein. Disziplin, Können und Erfolg können uns Selbstvertrauen geben.
Aber dein Wert als Mensch sollte nicht davon abhängen, wie viel du heute erledigt hast oder wie erfolgreich andere dich finden.
Und noch etwas: Erfolg und Glück sind nicht dasselbe.
Du kannst unglaublich viel erreichen und trotzdem unzufrieden sein.
Umgekehrt können Selbstbestimmung, gute Beziehungen und das Gefühl, etwas bewirken zu können, wesentlich zu deinem Wohlbefinden beitragen.
In der Psychologie spricht man hier unter anderem von Selbstwirksamkeit: der Überzeugung, durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können.
Darin steckt ein schöner Zusammenhang zum Selbstvertrauen.
Wenn du erlebst, dass deine Entscheidungen etwas verändern können, gewinnst du häufig auch Zuversicht in deine eigenen Fähigkeiten.
Aber du musst nicht ständig erfolgreich sein, um glücklich oder wertvoll zu sein.
Vielleicht solltest du dich deshalb gelegentlich nicht nur fragen: «Was habe ich heute erreicht?»
Sondern auch:
«Was hat mein Leben heute bereichert?»
Mehr darüber erfährst du in meinen Artikeln Was ist Glück? Was uns glücklich macht – und warum und Warum fühle ich mich nie gut genug?.
FAQ: Häufige Fragen zu Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen
Kann man Selbstvertrauen lernen?
Ja. Selbstvertrauen kann sich durch Erfahrungen, Übung, Selbstreflexion und verlässliches Handeln entwickeln. Es ist allerdings kein Zustand, den du einmal erreichst und dann für immer behältst. Du kannst in einem Lebensbereich sehr zuversichtlich sein und in einem anderen unsicher.
Wie werde ich selbstbewusster, wenn ich ständig an mir zweifle?
Versuche zunächst herauszufinden, woran du zweifelst. An deinen Fähigkeiten? An deinem Wert? An deiner Wahrnehmung? Oder daran, ob andere dich akzeptieren? Erst wenn du das besser verstehst, kannst du gezielt daran arbeiten. Kleine, realistische Erfahrungen helfen häufig mehr als allgemeine Selbstbestätigungen.
Ist es selbstbewusst, einen Fehler zuzugeben?
Ja, das kann ein Ausdruck von Selbstbewusstsein und innerer Sicherheit sein. Wer einen Fehler eingesteht, zeigt, dass er Verantwortung übernehmen kann, ohne seinen gesamten Selbstwert infrage zu stellen. Entscheidend sind Ehrlichkeit und die Bereitschaft, Konsequenzen zu tragen.
Kann ich selbstbewusst sein und trotzdem Angst haben?
Natürlich. Selbstbewusste Menschen haben ebenfalls Angst, erleben Unsicherheit und zweifeln manchmal an ihren Entscheidungen. Entscheidend ist nicht, dass diese Gefühle verschwinden, sondern wie du mit ihnen umgehst.
Wie kann ich meinen Selbstwert stärken?
Hilfreich ist, deinen persönlichen Wert nicht ausschliesslich an Leistung, Anerkennung oder dem Urteil anderer festzumachen. Gesunde Beziehungen, Selbstfürsorge, ein realistischer Blick auf deine Stärken und Schwächen und ein freundlicherer Umgang mit eigenen Fehlern können dazu beitragen.
Was ist der Unterschied zwischen Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein?
Selbstvertrauen bedeutet, dass du dir zutraust, Herausforderungen zu bewältigen und mit Schwierigkeiten umzugehen. Selbstbewusstsein bedeutet im wörtlichen Sinn, dass du deine eigenen Gedanken, Gefühle, Bedürfnisse, Stärken und Schwächen kennst. Beide Fähigkeiten hängen zusammen, sind aber nicht identisch.
Schlussgedanke: Du musst nicht unangreifbar werden
Vielleicht liegt die grösste Freiheit gar nicht darin, irgendwann vollkommen selbstbewusst zu sein.
Sondern darin, nicht mehr ständig so tun zu müssen.
Du darfst unsicher sein.
Du darfst Fehler machen.
Du darfst deine Meinung ändern.
Du darfst dich entschuldigen.
Du darfst Hilfe brauchen.
Du darfst eine Schwäche haben, ohne sie sofort zu einer Stärke erklären zu müssen.
Und du darfst selbst entscheiden, welche deiner Eigenschaften du verändern möchtest und welche einfach zu dir gehören.
Das bedeutet nicht, dass du stehen bleiben musst.
Im Gegenteil.
Wenn du dich selbst besser kennst und akzeptierst, kannst du viel bewusster an dir arbeiten. Nicht weil du grundsätzlich falsch bist, sondern weil du dein Leben gestalten möchtest.
Selbstvertrauen bedeutet nicht, dass du immer auf dich stolz sein musst. Es bedeutet, dass du dich auch dann noch ernst nehmen kannst, wenn du gerade nicht stolz auf dich bist.
Vielleicht ist das ein guter Anfang.



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