Wie gehe ich mit der Angst vor einem Coming-out um?
Die Angst vor einem Coming-out hat oft weniger mit anderen Menschen zu tun, als wir glauben. Viele Betroffene kämpfen vor allem mit Scham, Selbstzweifeln und der Angst, abgelehnt zu werden. Ein Coming-out ist eine persönliche Entscheidung. Niemand ist verpflichtet, sich zu outen. Gleichzeitig kann es befreiend sein, nicht länger gegen sich selbst kämpfen zu müssen.
Mein Coming-out: Der schwierigste Gegner war nicht mein Umfeld
Viele Menschen glauben, die grösste Herausforderung beim Coming-out sei die Reaktion der Familie, der Freunde oder der Arbeitskollegen.
Bei mir war es anders.
Der schwierigste Gegner war nicht mein Dorf. Nicht meine Familie. Nicht meine Freunde.
Der schwierigste Gegner war ich selbst.
Dabei lag das nur bedingt an meiner ländlichen Herkunft, wo man – wie in vielen Dörfern – nicht gerade auf einen Schwulen gewartet hatte. Auch meine Geschwister waren nie das Problem. Sie fanden alles Andersartige spannend und interessant.
Ein grosser Teil meines Leidens entstand durch etwas anderes:
Ich hatte viele Jahre selbst ein Problem mit Homosexualität.
Oder genauer gesagt:
Ich hatte ein Problem damit, dass ich selbst schwul sein könnte.
Wie ich gelernt habe, mich selbst abzulehnen
Was wusste ich damals über Schwule?
Nicht viel Gutes.
Ich hörte Dinge wie: Schwule sind alle pädophil, seien keine richtigen Männer oder gehörten bestraft.
Dazu kam die Angst vor Aids.
Wer möchte unter solchen Voraussetzungen freiwillig schwul sein?
Heute weiss ich, dass viele dieser Aussagen falsch und verletzend sind.
Damals wusste ich das nicht.
Deshalb war die Bereitschaft, mich so anzunehmen, wie ich bin, praktisch nicht vorhanden.
Ehrlich gesagt:
Ich hasste alles, was ich als "schwul" wahrnahm.
Bei anderen.
Und bei mir selbst.
Also begann ich zu verstecken, zu beschönigen, auszuweichen und zu lügen.
Nicht weil ich ein schlechter Mensch war.
Sondern weil ich Angst hatte.
Das Coming-out löst nicht alle Probleme
Irgendwann konnte ich mir und anderen eingestehen, dass ich schwul bin.
Doch etwas Überraschendes passierte:
Das Leben wurde nicht plötzlich perfekt.
Ein Coming-out ist kein Zaubertrick.
Es ist eher wie nach einer grossen Gewichtsabnahme, einem beruflichen Erfolg oder dem Ende einer Sucht.
Das Leben bleibt kompliziert.
Es gibt weiterhin Schmerz, Unsicherheit und Enttäuschungen.
Aber es gibt auch mehr Freiheit.
Mehr Ehrlichkeit.
Mehr Ruhe.
Warum wir mehr sind als unsere sexuelle Orientierung
Bis heute verstehe ich nicht ganz, warum Menschen so fasziniert von der sexuellen Orientierung anderer sind.
Eine sexuelle Orientierung ist eine Eigenschaft.
Nicht unsere Identität.
Wir sind nicht unsere Sexualität.
Genauso wenig wie wir unsere Gefühle, unsere Gedanken, unser Kontostand, unser Beruf oder unser Impfstatus sind.
Wir sind grösser als das.
Auch du.
Homophobie existiert noch immer
Schwul zu sein belastet mich heute kaum noch.
Was mich mehr beschäftigt, ist die Tatsache, dass Menschen nach wie vor beleidigt, bedroht oder ausgegrenzt werden.
Die aktuellen Entwicklungen weltweit machen mir eher Sorgen als Hoffnung.
Und trotzdem glaube ich:
Wir haben immer eine Wahl.
Brücken bauen.
Oder Gräben vertiefen.
Wir wissen heute, dass Homosexualität auch in der Tierwelt vorkommt.
Doch Ausgrenzung ist leider ebenfalls ein Teil des Menschseins.
Darüber habe ich im Blog über Hass und Ausgrenzung ausführlicher geschrieben.
Selbst innerhalb der Community gibt es Ausgrenzung
Etwas, das viele Menschen überrascht:
Auch innerhalb der LGBTIQ+-Community gibt es Konflikte, Vorurteile und Ausgrenzung.
Nur weil man geoutet ist, bedeutet das nicht automatisch, dass man überall willkommen ist.
Auch darüber habe ich bereits geschrieben: Schwarz-Weiss-Denken unter dem Regenbogen.
Was ich heute daraus mitnehme
Als Mensch und als Coach durfte ich mit Menschen unterschiedlichster Herkunft arbeiten.
Viele meiner Kunden hatten vorher noch nie näheren Kontakt zu einer queeren Person.
Die Erfahrungen waren fast ausnahmslos positiv.
Die grössten Kämpfe fanden selten im Aussen statt.
Sondern im Inneren.
Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb ich heute freiwillig bei der LGBTIQ+ Helpline mitarbeite.
Meine Tipps für ein Coming-out
(Deine 10 Punkte würde ich fast unverändert übernehmen. Sie sind praxisnah und funktionieren gut.)
FAQ
Muss ich mich überhaupt outen?
Nein. Niemand ist verpflichtet, seine sexuelle Orientierung offenzulegen. Es ist deine Entscheidung.
Ist Fremdouting erlaubt?
Nein. Fremdouting kann eine Verletzung der Privatsphäre darstellen. Informationen dazu findest du bei der Stadt Zürich.
Wie finde ich Unterstützung?
Beispielsweise bei der LGBTIQ-Helpline, Pink Cross, HAZ oder anderen Beratungsstellen.
Was, wenn meine Familie negativ reagiert?
Dann kann es hilfreich sein, Unterstützung durch Freunde, Geschwister, Beratungsstellen oder professionelle Begleitung zu suchen. Du musst damit nicht allein sein.
Schlussgedanke
Ob du dich outest oder nicht, entscheidet niemand ausser dir.
Vielleicht bist du noch nicht bereit.
Vielleicht wartest du auf den richtigen Zeitpunkt.
Vielleicht wird dieser Zeitpunkt nie perfekt sein.
Was ich jedoch gelernt habe:
Die Angst vor Ablehnung hat mich deutlich mehr belastet als die Wahrheit selbst.
Du musst niemandem etwas beweisen.
Am wenigsten dir selbst.
Aber du hast das Recht, dein Leben möglichst frei, ehrlich und ohne unnötige Scham zu leben.
➡️ Hier findest du mein Coaching-Angebot
➡️ Umgang mit negativen Gefühlen – warum Wegdrücken selten funktioniert
➡️ Warum wir hassen – und weshalb Ausgrenzung oft mehr mit uns selbst zu tun hat
➡️ Scham oder Schuld? Ein wichtiger Unterschied für mehr Selbstakzeptanz




