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Nach über 10 Jahren als Job Coach: So schreibe ich Bewerbungsschreiben

Veröffentlicht am
11.11.2025
Anton Schumann erklärt anhand eines Bewerbungsschreibens das AIDA-System für erfolgreiche Bewerbungen in der Schweiz.

Wie schreibe ich ein Bewerbungsschreiben, das einfach, verständlich und überzeugend ist?

Ein gutes Bewerbungsschreiben muss nicht kreativ sein.

Es muss nicht originell sein.

Und es muss auch nicht zeigen, wie gut du schreiben kannst.

Seine Aufgabe ist viel einfacher:

Es soll einem Unternehmen möglichst schnell zeigen, warum du für diese Stelle interessant sein könntest.

Trotzdem scheitern viele Bewerbungen genau daran.

Nicht wegen schlechter Rechtschreibung.

Nicht wegen fehlender Qualifikationen.

Sondern weil der Leser nach wenigen Sekunden immer noch nicht weiss:

Wer ist diese Person?

Warum bewirbt sie sich?

Was kann sie?

Warum sollte ich sie einladen?

Muss ich heute überhaupt noch ein Bewerbungsschreiben schreiben?

Diese Frage höre ich immer häufiger.

Die ehrliche Antwort lautet:

Manchmal ja.

Manchmal nein.

Viele Unternehmen schauen heute zuerst auf den Lebenslauf.

Dort finden sie Antworten auf Fragen wie:

  • Ausbildung
  • Berufserfahrung
  • Weiterbildungen
  • Sprachkenntnisse
  • Dauer der Anstellungen

Trotzdem kann ein gutes Bewerbungsschreiben den Unterschied machen.

Vor allem bei:

  • Quereinstiegen
  • Branchenwechseln
  • Führungspositionen
  • Initiativbewerbungen
  • Lücken im Lebenslauf
  • Umschulungen
  • ungewöhnlichen Laufbahnen

Gerade dann hilft das Bewerbungsschreiben, die Geschichte hinter dem Lebenslauf zu erklären.

Gute Bewerbungen beantworten wichtige Fragen, bevor sie gestellt werden

Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis dieses Artikels.

Viele Bewerber versuchen, sich möglichst gut darzustellen.

Die besseren Bewerbungen machen etwas anderes:

Sie beantworten wichtige Fragen, bevor sie gestellt werden.

Zum Beispiel:

Warum genau diese Stelle?

Warum genau dieses Unternehmen?

Warum dieser Branchenwechsel?

Warum die Umschulung?

Warum die Lücke?

Warum der Wegzug?

Warum die berufliche Neuorientierung?

Wenn Personalverantwortliche diese Antworten bereits im Bewerbungsschreiben finden, entsteht Vertrauen.

Wenn sie raten müssen, entstehen Zweifel.

Was Personalverantwortliche wirklich wissen wollen

Viele Bewerber schreiben aus ihrer eigenen Sicht.

Personalverantwortliche lesen jedoch aus einer anderen Perspektive.

Sie möchten meist wissen:

Passt diese Person grundsätzlich zur Stelle?

Erfüllt sie die wichtigsten Anforderungen?

Wirkt sie glaubwürdig?

Versteht sie unser Unternehmen?

Könnte sie unser Problem lösen?

Deshalb sollte ein Bewerbungsschreiben nicht möglichst viel erzählen.

Sondern möglichst schnell die relevanten Fragen beantworten.

Warum ich seit Jahren mit dem AIDA-System arbeite

Nach über zehn Jahren als Job Coach habe ich die besten Erfahrungen mit einem einfachen System gemacht:

AIDA.

Nicht weil es perfekt ist.

Sondern weil es verständlich ist.

Und weil es Bewerbern hilft, ihre Gedanken sinnvoll zu strukturieren.

Für Bewerbungen nutze ich AIDA folgendermassen:

A = Aufmerksamkeit

Warum genau dieses Unternehmen?

I = Interessant

Warum erfüllst du die wichtigsten Anforderungen?

D = Das macht mich besonders

Warum sollte man dich statt eines anderen passenden Bewerbers einladen?

A = Action

Wie leitest du elegant zum nächsten Schritt über?

So entsteht eine Bewerbung, die den Leser Schritt für Schritt begleitet.

A = Aufmerksamkeit

Viele Bewerbungsschreiben beginnen mit Sätzen wie:

"Mit grossem Interesse habe ich Ihre Stellenausschreibung gelesen."

Das liest HR täglich.

Die spannendere Frage lautet:

Warum genau dieses Unternehmen?

Was hat dein Interesse geweckt?

Zum Beispiel:

  • die Produkte
  • die Branche
  • die Unternehmenskultur
  • Innovationen
  • Nachhaltigkeit
  • Empfehlungen
  • persönliche Berührungspunkte
  • frühere Erfahrungen mit dem Unternehmen

Je konkreter du wirst, desto glaubwürdiger wirkt deine Motivation.

Schwaches Beispiel

Mit grossem Interesse habe ich Ihre Stellenausschreibung gelesen.

Stärkeres Beispiel

Seit mehreren Jahren verfolge ich die Entwicklung Ihres Unternehmens. Besonders beeindruckt mich die Kombination aus technischer Innovation und kundenorientierter Dienstleistung. Deshalb möchte ich mich Ihnen gerne vorstellen.

I = Interessant

Hier beantworten wir eine einfache Frage:

Warum erfüllst du die Anforderungen?

Viele Bewerber machen den Fehler, bereits hier ihren USP erklären zu wollen.

Das kommt später.

Zuerst möchte der Leser wissen:

Kann diese Person die Stelle grundsätzlich ausüben?

Deshalb dürfen die wichtigsten Anforderungen klar sichtbar werden.

Zum Beispiel:

Das bringe ich für diese Position mit:

  • Kaufmännische Grundausbildung EFZ
  • Mehrjährige Berufserfahrung im Kundenkontakt
  • Sehr gute MS-Office-Kenntnisse
  • Erfahrung in der Administration
  • Selbstständige und strukturierte Arbeitsweise

Gerade unter Zeitdruck helfen Bulletpoints enorm.

D = Das macht mich besonders

Hier liegt die grösste Unklarheit vieler Bewerbungen.

Viele Bewerber verstehen nicht den Unterschied zwischen I und D.

Deshalb ganz einfach:

I = Warum bist du geeignet?

D = Warum bist du besonders interessant?

Hier geht es um Dinge, die dich von anderen passenden Bewerbern unterscheiden.

Zum Beispiel:

  • Führungserfahrung
  • Projektverantwortung
  • Auslandserfahrung
  • Branchenspezialwissen
  • zusätzliche Sprachkenntnisse
  • besondere Weiterbildungen
  • nachweisbare Erfolge

Wichtig:

Behauptungen überzeugen selten.

Beispiele überzeugen.

Schwach

Ich bin motiviert, belastbar und teamfähig.

Stärker

In meiner letzten Funktion durfte ich die Einführung eines neuen CRM-Systems begleiten und mehrere interne Schulungen durchführen. Dabei lernte ich, Veränderungen pragmatisch umzusetzen und Mitarbeitende im Prozess mitzunehmen.

Wo erkläre ich Lücken, Branchenwechsel und Umschulungen?

Eine der häufigsten Fragen überhaupt.

Die Antwort lautet:

Dort, wo sie für das Verständnis wichtig sind.

Nicht jede Lücke braucht eine Erklärung.

Nicht jeder Wechsel ist problematisch.

Wenn jedoch eine Frage fast zwangsläufig entsteht, lohnt sich eine kurze Erklärung.

Zum Beispiel:

Nach mehreren Jahren im Verkauf entschied ich mich bewusst für eine Weiterbildung im Bereich Projektmanagement, da mich die Planung und Koordination komplexer Projekte zunehmend faszinierte.

Oder:

Nach meinem Studium der Betriebswirtschaft stellte ich fest, dass meine Stärken stärker im direkten Kundenkontakt liegen. Deshalb wechselte ich bewusst in den Vertrieb.

Du musst dich nicht rechtfertigen.

Aber du solltest Orientierung geben.

A = Action

Viele Bewerbungen enden unsicher.

Zum Beispiel:

"Ich hoffe sehr, dass ..."

Oder:

"Über eine Einladung würde ich mich freuen."

Das ist nicht falsch.

Wirkt aber oft etwas passiv.

Action bedeutet:

Was soll als Nächstes passieren?

Beispiel

Gerne überzeuge ich Sie (vor Ort oder Online) in einem persönlichen Gespräch von meiner Motivation und meinen Erfahrungen. Ich freue mich darauf, Sie kennenzulernen und mehr über die Position zu erfahren.

Freundlich.

Selbstbewusst.

Ohne Arroganz.

Wie viele Zeilen braucht ein Bewerbungsschreiben?

Eine Seite reicht in den meisten Fällen völlig aus.

Als Orientierung:

A = Aufmerksamkeit
2–4 Zeilen

I = Interessant
4–6 Zeilen oder einige Bulletpoints

D = Das macht mich besonders
3–6 Zeilen

A = Action
2–3 Zeilen

Mehr braucht es oft nicht.

Ein einfaches AIDA-Gerüst zum Übernehmen

A – Aufmerksamkeit

Warum genau dieses Unternehmen?

I – Interessant

Welche Anforderungen erfüllst du?

D – Das macht mich besonders

Was unterscheidet dich von anderen passenden Bewerbern?

A – Action

Wie leitest du zum Gespräch über?

Wenn diese vier Fragen beantwortet sind, ist bereits viel gewonnen.

Lebenslauf oder Bewerbungsschreiben?

Wenn ich ehrlich bin:

In den meisten Fällen ist der Lebenslauf wichtiger.

Dort finden Personalverantwortliche Antworten auf Fragen wie:

  • Ausbildung
  • Berufserfahrung
  • Weiterbildungen
  • Dauer der Anstellungen
  • Fachwissen

Das Bewerbungsschreiben ergänzt den Lebenslauf.

Es erklärt nicht primär, was du gemacht hast.

Es erklärt, warum du zu genau dieser Stelle passt.

Darf ich Bulletpoints verwenden?

Ja.

Sehr gerne sogar.

Zumindest dort, wo sie die Lesbarkeit verbessern.

Gerade bei Anforderungen, Qualifikationen und Erfahrungen helfen Bulletpoints oft mehr als lange Textblöcke.

Der Leser erkennt schneller, ob die wichtigsten Voraussetzungen erfüllt sind.

Darf ich wichtige Wörter fett markieren?

Ja.

Aber sparsam.

Zum Beispiel:

  • zentrale Ausbildung
  • relevante Berufserfahrung
  • besondere Qualifikationen
  • wichtige Sprachkenntnisse

Wenn alles fett ist, ist nichts mehr wichtig.

Bewerbung oder Initiativbewerbung?

Bei einer klassischen Bewerbung bewirbst du dich auf eine konkrete Stelle.

Bei einer Initiativbewerbung bewirbst du dich auf deinen möglichen Nutzen.

Du musst dem Unternehmen zeigen:

Auch wenn aktuell keine Stelle ausgeschrieben ist, könnte ich für Ihr Unternehmen interessant sein.

Deshalb sind Initiativbewerbungen oft anspruchsvoller.

Sie bieten aber auch Chancen, die viele Bewerber übersehen.

FAQ

Muss ich heute überhaupt noch ein Bewerbungsschreiben mitschicken?

Wenn eines verlangt wird: Ja.

Wenn keines verlangt wird, kann es trotzdem sinnvoll sein – insbesondere bei Quereinstiegen, Branchenwechseln oder Initiativbewerbungen.

Wie lang sollte ein Bewerbungsschreiben sein?

In den meisten Fällen reicht eine Seite vollkommen aus.

Sind Bulletpoints im Bewerbungsschreiben erlaubt?

Ja. Richtig eingesetzt verbessern sie die Lesbarkeit und helfen dabei, wichtige Informationen schneller zu erfassen.

Muss ich jede Anforderung erfüllen?

Nein. Die wenigsten Bewerber erfüllen 100 Prozent aller Anforderungen.

Wichtiger ist, dass die wichtigsten Voraussetzungen vorhanden sind.

Wo erkläre ich einen Branchenwechsel?

Meist im Bewerbungsschreiben. Dort kannst du die Motivation und den Zusammenhang erklären.

Wo erkläre ich eine Lücke?

Dann, wenn sie sonst Fragen auslösen würde. Oft reichen wenige Sätze.

Darf ich ChatGPT für meine Bewerbung verwenden?

Ja. Wichtig ist jedoch, dass die Inhalte zu dir passen und die Bewerbung nicht wie ein austauschbarer KI-Text wirkt.

Schlussgedanke

Eine gute Bewerbung muss nicht perfekt sein.

Sie muss nicht kreativ sein.

Und sie muss nicht beweisen, dass du besser schreiben kannst als andere Bewerber.

Sie sollte etwas viel Einfacheres schaffen:

Sie sollte wichtige Fragen beantworten, bevor sie gestellt werden.

Wenn ein Unternehmen nach dem Lesen versteht, wer du bist, warum du dich bewirbst und welchen Beitrag du leisten kannst, hast du bereits viel erreicht.

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