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Nach über 10 Jahren als Job Coach: So schreibe ich Bewerbungsschreiben

Veröffentlicht am
11.11.2025
Anton Schumann erklärt anhand eines Bewerbungsschreibens das AIDA-System für erfolgreiche Bewerbungen in der Schweiz.

Wie schreibt man ein Bewerbungsschreiben, das einfach, verständlich und überzeugend ist?

Nach über 10 Jahren als Job Coach habe ich die besten Erfahrungen mit einem einfachen AIDA-System gemacht. Es hilft Bewerbern dabei, einen Bezug zum Unternehmen herzustellen, die wichtigsten Qualifikationen sichtbar zu machen, sich von anderen Bewerbern abzuheben und den Leser zu einer Einladung zu motivieren.

Warum viele Bewerbungen scheitern

In meiner Zeit als Job Coach habe ich unzählige Bewerbungen gelesen, korrigiert und gemeinsam mit Klienten erstellt.

Menschen mit mehreren Studienabschlüssen. Menschen mit wenig Berufserfahrung. Menschen mit perfektem Deutsch. Menschen, die kaum Deutsch sprechen.

Interessanterweise scheitern die meisten Bewerbungen nicht an der Rechtschreibung.

Sie scheitern daran, dass der Leser nach wenigen Sekunden immer noch nicht weiss:

  • Wer ist diese Person?
  • Warum bewirbt sie sich?
  • Was kann sie?
  • Warum sollte ich sie einladen?

Genau deshalb habe ich meinen Klienten über viele Jahre ein sehr einfaches System beigebracht.

AIDA.

Nicht weil es perfekt ist.

Sondern weil es verständlich ist und funktioniert.

Was bedeutet AIDA?

AIDA stammt ursprünglich aus dem Marketing und Verkauf.

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts beschrieb der amerikanische Werber Elmo Lewis ein einfaches Prinzip, wie Menschen Entscheidungen treffen.

  • A = Attention (Aufmerksamkeit)
  • I = Interest (Interesse)
  • D = Desire (Wunsch)
  • A = Action (Handlung)

Das Spannende daran:

Dieses Prinzip funktioniert nicht nur in der Werbung.

Man kann es beim Kennenlernen, Verkaufen, Verhandeln, Präsentieren und auch bei Bewerbungen anwenden.

Denn letztlich geht es immer um dieselbe Frage:

Wie schaffe ich es, dass mein Gegenüber mir zuhört und den nächsten Schritt machen möchte?

Nach über 10 Jahren als Job Coach habe ich das Modell für Bewerbungen etwas angepasst:

A = Aufmerksamkeit
Wie schaffe ich es, Aufmerksamkeit zu erzeugen und Gemeinsamkeiten mit dem Unternehmen sichtbar zu machen?

I = Interessant
Warum bin ich für diese Stelle grundsätzlich interessant? Welche Anforderungen erfülle ich?

D = Das macht mich besonders
Was unterscheidet mich von anderen Bewerbern? Wo liegt mein persönlicher Mehrwert oder USP?

A = Action
Was soll jetzt passieren? Wie schaffe ich es, den Weg für ein Gespräch oder den nächsten Schritt zu öffnen?

So entsteht eine Bewerbung, die den Leser Schritt für Schritt begleitet:

Zuerst Aufmerksamkeit erzeugen.

Dann zeigen, dass man grundsätzlich zur Stelle passt.

Anschliessend erklären, warum man besonders interessant ist.

Und am Ende den nächsten Schritt erleichtern.

A = Aufmerksamkeit schaffen

Viele Bewerbungen beginnen mit Standardformulierungen.

"Mit grossem Interesse habe ich Ihre Stellenausschreibung gelesen."

Das liest HR täglich.

Spannender ist die Frage:

Warum genau dieses Unternehmen?

Was verbindet dich mit dieser Firma?

Vielleicht:

  • kennst du die Produkte
  • kennst du Mitarbeitende
  • arbeitest du bereits in der Branche
  • schätzt du die Unternehmenskultur
  • teilst du ähnliche Werte

Je konkreter dieser Bezug ist, desto glaubwürdiger wirkt die Bewerbung.

I = Darum bin ich interessant

Jetzt kommen die Fakten.

Viele Bewerber verstecken ihre wichtigsten Qualifikationen in langen Textblöcken.

Dabei möchten Personalverantwortliche meist etwas ganz Einfaches wissen:

Erfüllt diese Person die wichtigsten Anforderungen?

Deshalb arbeite ich gerne mit Bulletpoints.

Viele Bewerbungsexperten sehen das kritisch.

Ich persönlich habe andere Erfahrungen gemacht.

Gerade unter Zeitdruck helfen Bulletpoints dabei, die wichtigsten Informationen innerhalb weniger Sekunden zu erfassen.

Zum Beispiel:

Das bringe ich für diese Position mit

• Kaufmännische Ausbildung EFZ
• Mehrjährige Berufserfahrung
• Sehr gute MS-Office-Kenntnisse
• Erfahrung im Kundenkontakt
• Selbstständige Arbeitsweise

Der Leser erkennt sofort, ob die Grundanforderungen erfüllt sind.

D = Das macht mich besonders

Diesen Teil vergessen viele Bewerber.

Dabei entscheidet er oft darüber, ob jemand aus der Masse heraussticht.

Hier geht es nicht mehr um Mindestanforderungen.

Hier geht es um Mehrwert.

Viele Menschen schreiben:

"Ich bin motiviert, belastbar und teamfähig."

Das behauptet fast jeder.

Spannender sind konkrete Beispiele.

Zum Beispiel:

  • besondere Weiterbildungen
  • Auslandserfahrung
  • Führungserfahrung
  • Projektverantwortung
  • Branchenspezialwissen

Behauptungen überzeugen selten.

Beispiele schon.

A = Action – Der nächste Schritt

Der Abschluss darf freundlich und selbstbewusst sein.

Nicht:

"Ich hoffe sehr, dass ..."

Sondern:

"Ich freue mich darauf, Sie kennenzulernen und mehr über die Position zu erfahren."

Action bedeutet:

Was soll jetzt passieren?

Der Leser soll wissen, dass du gerne den nächsten Schritt gehen möchtest.

Ein einfaches Bewerbungsgerüst zum Übernehmen

Max Muster
Musterstrasse 1, 8000 Zürich
max.muster@email.com | +41 79 123 45 67

Muster AG
Personalabteilung
Frau Erika Muster
Musterweg 5
8000 Zürich

Zürich, 4. Juni 2025

Bewerbung als Sachbearbeiter Administration

Sehr geehrte Frau Muster

(A – Aufmerksamkeit)

Ihre langjährige Marktpräsenz sowie Ihr Fokus auf kundenorientierte Dienstleistungen haben mein Interesse geweckt. Besonders schätze ich Unternehmen, die auf Qualität, Verlässlichkeit und professionelle Kundenbetreuung setzen. Deshalb möchte ich mich Ihnen gerne als Sachbearbeiter Administration vorstellen.

(I – Interessant)

Das bringe ich für diese Position mit:

• Kaufmännische Grundausbildung EFZ sowie fundiertes administratives Fachwissen
• Mehrjährige Erfahrung in der Administration und Kundenbetreuung
• Sehr gute MS-Office-Kenntnisse für eine effiziente Büroorganisation
• Umfassende Erfahrung im telefonischen und schriftlichen Kundenkontakt
• Selbstständige, zuverlässige und strukturierte Arbeitsweise

(D – Das macht mich besonders)

Zusätzlich durfte ich in meiner letzten Position die Einführung eines neuen Ablagesystems begleiten. Dabei habe ich gelernt, bestehende Prozesse kritisch zu hinterfragen und nachhaltige Verbesserungen umzusetzen. Auch in hektischen Situationen behalte ich den Überblick und arbeite lösungsorientiert, präzise und verantwortungsbewusst. Mein Ziel ist es, Sie und Ihr Team im administrativen Alltag spürbar zu entlasten.

(A – Action)

Gerne überzeuge ich Sie vor Ort oder in einem Online-Gespräch von meinen Fähigkeiten und meiner Motivation. Ich freue mich darauf, Sie kennenzulernen und mehr über die Position sowie Ihr Unternehmen zu erfahren.

Freundliche Grüsse

(Handschriftliche Unterschrift)

Max Muster

Wie wichtig ist ein Bewerbungsschreiben im Zeitalter von KI?

Weniger wichtig als früher.

Aber nicht unwichtig.

Viele Unternehmen schauen zuerst auf den Lebenslauf.

Gerade bei ähnlichen Kandidaten, Quereinstiegen, Branchenwechseln oder Initiativbewerbungen kann das Bewerbungsschreiben jedoch den entscheidenden Unterschied machen.

Was ist wichtiger: Lebenslauf oder Bewerbungsschreiben?

Wenn ich ehrlich bin:

In den meisten Fällen ist der Lebenslauf wichtiger.

Dort finden Personalverantwortliche Antworten auf Fragen wie:

  • Ausbildung
  • Berufserfahrung
  • Weiterbildungen
  • Dauer der Anstellungen

Das Bewerbungsschreiben ergänzt den Lebenslauf.

Es erklärt nicht, was du gemacht hast.

Es erklärt, warum du zu genau dieser Stelle passt.

Kurzprofil im Lebenslauf oder Bewerbungsschreiben?

Das Kurzprofil beantwortet:

Wer bin ich beruflich?

Das Bewerbungsschreiben beantwortet:

Warum passe ich zu dieser Stelle?

Beides erfüllt unterschiedliche Aufgaben.

Darf man Wörter fett markieren?

Ja.

Sogar sehr gerne.

Aber sparsam.

Ich empfehle nur die wichtigsten Informationen hervorzuheben:

  • zentrale Ausbildung
  • relevante Berufserfahrung
  • besondere Qualifikationen
  • wichtige Sprachkenntnisse

Wenn alles fett ist, ist nichts mehr wichtig.

Braucht eine Bewerbung ein spezielles Design?

In den meisten Fällen nicht.

Wichtiger sind:

  • Lesbarkeit
  • Übersichtlichkeit
  • logische Struktur
  • genügend Weissraum

Meine persönliche Regel lautet:

Wie schaffe ich es, dass selbst die gestressteste Person innerhalb weniger Sekunden erkennt, dass ich passend, glaubwürdig und kompetent bin?

Woran erkennt HR eine Alibi-Bewerbung?

Viele Personalverantwortliche erkennen sehr schnell, ob jemand die Stelle wirklich möchte.

Typische Hinweise auf eine Alibi-Bewerbung sind:

  • generische Formulierungen
  • fehlender Bezug zum Unternehmen
  • austauschbare Motivation
  • sichtbarer Massenversand

Eine echte Bewerbung wirkt meist persönlicher, konkreter und glaubwürdiger.

Bewerbung oder Initiativbewerbung?

Bei einer klassischen Bewerbung bewirbst du dich auf eine ausgeschriebene Stelle.

Bei einer Initiativbewerbung bewirbst du dich auf deinen möglichen Nutzen.

Du musst dem Unternehmen zeigen:

"Auch wenn aktuell keine Stelle ausgeschrieben ist, könnte ich für Ihr Unternehmen interessant sein."

Deshalb sind Initiativbewerbungen oft anspruchsvoller, bieten aber auch Chancen, die viele Bewerber übersehen.

FAQ

Muss ich heute überhaupt noch ein Bewerbungsschreiben mitschicken?

Wenn eines verlangt wird: Ja.

Wenn keines verlangt wird, kann es trotzdem sinnvoll sein – insbesondere bei Quereinstiegen, Branchenwechseln oder Initiativbewerbungen.

Wie lang sollte ein Bewerbungsschreiben sein?

In den meisten Fällen reicht eine Seite vollkommen aus.

Sind Bulletpoints im Bewerbungsschreiben erlaubt?

Ja. Richtig eingesetzt verbessern sie die Lesbarkeit und helfen dabei, wichtige Informationen schneller zu erfassen.

Schlussgedanke

Nach über 10 Jahren als Job Coach habe ich gelernt:

Die meisten Bewerbungen scheitern nicht daran, dass Menschen zu wenig können.

Sie scheitern daran, dass niemand erkennt, was sie können.

Deshalb bevorzuge ich einfache Strukturen.

Nicht weil sie spektakulär sind.

Sondern weil sie dem Leser helfen, innerhalb weniger Sekunden zu verstehen, wer du bist, was du kannst und warum du genau zu dieser Stelle passt.

➡️ Initiativbewerbung Schweiz: Vorteile, Tipps und Beispiele

➡️ Coaching Zürich: Beruf, Bewerbung und Karriere

➡️ Einige Stimmen von Klienten, die ihr Feedback teilen wollten

Wenn du merkst, dass dich das länger beschäftigt

Dann kann ein Gespräch sinnvoll sein. Nicht für schnelle Lösungen – sondern um herauszufinden, was wirklich für dich passt.

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