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Was denkt die andere Seite wirklich? Die häufigsten Irrtümer in Verhandlungen

Veröffentlicht am
1.6.2026
Menschen diskutieren in einer Besprechung – Symbolbild für Verhandlungen, Kommunikation, Perspektivenwechsel und unterschiedliche Sichtweisen.

Warum scheitern viele Verhandlungen bereits vor dem eigentlichen Gespräch?

Viele Menschen glauben zu wissen, was die andere Seite denkt. Sie rechnen mit Ablehnung, Kritik oder Widerstand, obwohl das Gespräch noch gar nicht stattgefunden hat. Dadurch reagieren sie oft auf Vermutungen statt auf die tatsächliche Situation.

Der grösste Irrtum in Verhandlungen: Wir glauben zu wissen, was die andere Seite denkt

Stell dir vor, du möchtest mehr Lohn verlangen.

Oder einen höheren Preis durchsetzen.

Oder deinem Partner sagen, was du wirklich brauchst.

Das Gespräch hat noch nicht stattgefunden.

Die andere Person hat noch kein Wort gesagt.

Und trotzdem läuft der Film bereits.

„Das wird niemals funktionieren.“

„Die hält mich für gierig.“

„Der findet meine Forderung lächerlich.“

„Die andere Seite wird sowieso Nein sagen.“

Kommt dir das bekannt vor?

Dann bist du nicht allein.

Viele Menschen verlieren Verhandlungen bereits im eigenen Kopf.

Nicht weil sie schlechte Argumente hätten.

Sondern weil sie überzeugt sind, die Reaktion ihres Gegenübers bereits zu kennen.

Was denkt die andere Seite wirklich?

Die ehrliche Antwort lautet:

Wir wissen es meistens nicht.

Genau das fällt vielen Menschen schwer zu akzeptieren.

Unser Gehirn mag keine Unsicherheit.

Es möchte Vorhersagen treffen.

Es möchte wissen, was als Nächstes passiert.

Deshalb beginnt es, Lücken zu füllen.

Aus Vermutungen werden Überzeugungen.

Aus Befürchtungen werden scheinbare Tatsachen.

Und irgendwann sprechen wir nicht mehr über das, was tatsächlich passiert.

Sondern über das, was wir glauben, dass passieren wird.

Warum wir die Gedanken anderer so oft falsch einschätzen

Ein häufiger Denkfehler besteht darin, dass wir unsere eigenen Gefühle auf andere Menschen übertragen.

Wenn wir selbst unsicher sind, glauben wir schnell, andere würden ebenfalls an uns zweifeln.

Wenn wir uns für einen Wunsch schämen, vermuten wir, andere würden diesen Wunsch ebenfalls übertrieben finden.

Wenn wir uns selbst kritisch beurteilen, erwarten wir oft dieselbe Kritik von unserem Gegenüber.

Deshalb sagen Menschen häufig:

„Die andere Seite denkt bestimmt ...“

Obwohl sie in Wirklichkeit beschreiben, wovor sie selbst Angst haben.

Die eigentliche Angst ist oft nicht Ablehnung

Viele Menschen glauben, sie hätten Angst vor einem Nein.

In meiner Erfahrung stimmt das nur teilweise.

Viel häufiger haben Menschen Angst vor dem, was dieses Nein bedeuten könnte.

Nicht:

„Er sagt Nein.“

Sondern:

„Er denkt schlecht über mich.“

„Ich habe mich überschätzt.“

„Ich wirke lächerlich.“

„Mit mir stimmt etwas nicht.“

Genau hier kommt Scham ins Spiel.

Und Scham kann deutlich schmerzhafter sein als eine sachliche Ablehnung.

Deshalb werden manche Verhandlungen nie geführt.

Nicht wegen der Antwort.

Sondern wegen der Bedeutung, die wir dieser Antwort geben.

Was uns dieser Denkfehler kostet

Dieser Denkfehler kostet Menschen jedes Jahr viel Geld.

Aber nicht nur Geld.

Er kostet Chancen.

Beziehungen.

Selbstvertrauen.

Klarheit.

Menschen verzichten auf Lohnerhöhungen.

Sie sprechen Probleme in Beziehungen nicht an.

Sie fordern keine besseren Konditionen.

Sie setzen keine Grenzen.

Sie fragen nicht nach Möglichkeiten.

Nicht weil sie keine Argumente hätten.

Sondern weil sie überzeugt sind, die Antwort bereits zu kennen.

Eine Beobachtung aus vielen Coachings hat mich immer wieder beeindruckt:

Menschen leiden oft nicht unter Gesprächen.

Sie leiden unter Gesprächen, die nie stattgefunden haben.

Unter Antworten, die sie nie erhalten haben.

Unter Ablehnungen, die nie ausgesprochen wurden.

Unter Konflikten, die ausschliesslich in ihrer Vorstellung existieren.

Was die Realität häufig zeigt

Natürlich gibt es Ablehnung.

Natürlich gibt es schwierige Menschen.

Natürlich gibt es Konflikte.

Aber deutlich häufiger als viele Menschen erwarten, reagieren andere sachlich, neugierig oder verständnisvoll.

Aus:

„Das können Sie doch nicht ernst meinen.“

wird oft:

„Interessanter Gedanke.“

Aus:

„Das ist völlig unrealistisch.“

wird:

„Lassen Sie uns darüber sprechen.“

Aus:

„Wie kommen Sie überhaupt auf diese Forderung?“

wird:

„Ich habe schon damit gerechnet.“

Das bedeutet nicht, dass wir immer bekommen, was wir wollen.

Aber es bedeutet, dass die Realität häufig weniger dramatisch ist als unsere Fantasie.

Was helfen kann

Vermutungen von Fakten trennen

Statt:

„Mein Chef hält mich für gierig.“

lieber:

„Ich vermute, dass mein Chef mich für gierig hält.“

Dieser kleine Unterschied verändert erstaunlich viel.

Die Gegenhypothese suchen

Was wäre, wenn die andere Person ganz anders denkt als ich vermute?

Diese Frage öffnet oft neue Möglichkeiten.

Nachfragen statt Gedankenlesen

Wir können Gedanken anderer Menschen nicht lesen.

Wir können jedoch Fragen stellen.

Viele Konflikte lösen sich durch Gespräche.

Nicht durch weiteres Grübeln.

Scham erkennen

Frage dich:

Habe ich Angst vor der Reaktion?

Oder habe ich Angst vor dem Gefühl, das diese Reaktion in mir auslösen könnte?

Das sind zwei unterschiedliche Fragen.

Die Realität testen

Die meisten Befürchtungen bleiben Vermutungen, solange wir sie nicht überprüfen.

Erst das Gespräch zeigt, was tatsächlich wahr ist.

FAQ

Warum habe ich vor wichtigen Gesprächen so grosse Angst?

Viele Menschen haben weniger Angst vor dem Gespräch selbst als vor der erwarteten Reaktion ihres Gegenübers. Sie reagieren auf Vermutungen statt auf Fakten.

Warum scheitern viele Verhandlungen bereits vor dem Gespräch?

Weil Menschen glauben, die Antwort bereits zu kennen. Dadurch verzichten sie oft auf Gespräche, die möglicherweise erfolgreich verlaufen wären.

Woher weiss ich, ob ich die Gedanken anderer nur vermute?

Frage dich, ob du dafür konkrete Beweise hast. Falls nicht, handelt es sich wahrscheinlich eher um eine Annahme als um eine Tatsache.

Welche Rolle spielt Scham in Verhandlungen?

Viele Menschen fürchten nicht primär ein Nein, sondern die Möglichkeit, sich lächerlich, ungenügend oder zurückgewiesen zu fühlen.

Warum überschätzen Menschen die negativen Reaktionen anderer?

Weil wir unsere eigenen Ängste, Selbstzweifel und Bewertungen häufig auf andere Menschen übertragen.

Schlussgedanke

Viele Menschen scheitern in Verhandlungen nicht an ihren Argumenten.

Sie scheitern an Vermutungen.

An inneren Geschichten.

An der Angst vor Ablehnung, Kritik oder Beschämung.

Dabei kennen wir die Gedanken der anderen Seite oft viel weniger, als wir glauben.

Vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb nicht:

„Was denkt die andere Seite wirklich?“

Sondern:

„Woher weiss ich eigentlich, dass sie das denkt?“

Je länger ich Menschen begleite, desto mehr glaube ich:

Erfolgreiche Verhandler haben nicht unbedingt bessere Argumente.

Sie sind oft einfach bereit, ihre Annahmen zu hinterfragen.

Und die Realität zu prüfen.

➡️ Scham oder Schuld? Der entscheidende Unterschied

➡️ Winner's Curse: Einer der häufigsten Denkfehler in Verhandlungen

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Wenn du merkst, dass dich das länger beschäftigt

Dann kann ein Gespräch sinnvoll sein. Nicht für schnelle Lösungen – sondern um herauszufinden, was wirklich für dich passt.

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