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Grenzen setzen lernen: Was Abgrenzung wirklich bedeutet

Veröffentlicht am
19.10.2026
Burgtor mit Fallgitter als Symbol für Grenzen setzen und gesunde Abgrenzung – was lasse ich in mein Leben hinein und was halte ich draussen?

Was bedeutet Grenzen setzen wirklich?

Grenzen setzen bedeutet nicht, andere Menschen zu kontrollieren. Es bedeutet zu unterscheiden, was zu mir gehört, was zum anderen gehört, wofür ich verantwortlich bin und was ich zulassen möchte.

Und es bedeutet, zu entscheiden, was ich tue, wenn etwas für mich nicht mehr stimmt.

Das klingt zunächst einfach.

Abgrenzung ist ein Thema, das ich praktisch mit jedem Klienten irgendwann anschaue.

In Beziehungen.
In Familien.
Im Beruf.
Bei Freundschaften.
Bei Nachbarn.
Beim Helfen.
Beim Nein sagen.

Und manchmal sogar bei Menschen, die gar nicht anwesend sind.

„Was werden meine Freunde denken?“
„Was wird meine Familie sagen?“
„Was denken meine Follower darüber?“

Manchmal müssen wir uns also nicht nur von Menschen abgrenzen.

Sondern auch von dem, was wir glauben, dass andere über uns denken könnten.

Eine Burg braucht Mauern – aber auch ein Tor

Ich erkläre Grenzen gerne mit dem Bild einer Burg.

Eine Burg ohne Mauern bietet keinen Schutz.

Jeder kann hinein.
Jeder kann sich nehmen, was er möchte.
Und irgendwann weiss niemand mehr so richtig, wo draussen endet und drinnen beginnt.

Aber auch eine Burg, deren Tor niemals geöffnet wird, funktioniert nicht.

Es kommen keine Freunde hinein.
Keine Nahrung.
Keine neuen Ideen.
Keine Hilfe.
Kein Austausch.

Eine gute Grenze ist deshalb für mich keine möglichst hohe Mauer.

Sie ist eher ein funktionierendes Tor.

Ich entscheide:

Was lasse ich hinein?
Wen lasse ich hinein?
Wie weit?
Wie lange?
Und unter welchen Bedingungen?

Und noch etwas finde ich an diesem Bild wichtig:

Was einmal innerhalb der Burg ist, lässt sich manchmal wesentlich schwieriger wieder hinausbefördern.

Psychologisch kann das ähnlich sein.

Eine Erwartung etabliert sich.
Eine Rolle entsteht.
Jemand gewöhnt sich daran, dass ich immer einspringe.
Dass ich mich immer rechtfertige.
Dass ich immer nachgebe.
Dass ich jedes Problem löse.

Deshalb kann es einfacher sein, eine Grenze früh wahrzunehmen, als ein jahrelang eingeübtes Muster später wieder zu verändern.

Aber auch das ist möglich.

Ich habe im Leben, was ich toleriere – stimmt das wirklich?

Diesen Gedanken habe ich selbst oft verwendet:

Ich habe in meinem Leben auch das, was ich toleriere.

Da steckt etwas Wichtiges drin.

Wenn ich einem Kollegen zwanzigmal Arbeit abnehme, obwohl ich es nicht möchte, kann er lernen, dass er sie mir geben kann.

Wenn ich jede respektlose Bemerkung schlucke, kann ein Beziehungsmuster entstehen.

Wenn ich immer erreichbar bin, kann meine Erreichbarkeit irgendwann als selbstverständlich gelten.

Aber heute würde ich den Satz nicht mehr einfach so stehen lassen.

Denn sonst wird aus Selbstverantwortung sehr schnell Victim Blaming.

Nicht jeder Mensch kann eine Situation einfach verlassen.

Es gibt Abhängigkeiten.
Machtgefälle.
Gewalt.
Existenzielle Zwänge.
Kinder.
Familien.
Arbeitsverhältnisse.
Gemeinsames Eigentum.
Finanzielle Abhängigkeiten.

Und dass jemand eine Grenzüberschreitung nicht verhindern konnte, bedeutet nicht, dass er ihr zugestimmt hat.

Diese Unterscheidung ist mir wichtig.

Ich habe selbst erlebt, wie schnell der Gedanke der Eigenverantwortung dazu benutzt werden kann, einen Menschen zusammenzustauchen.

Für mich sind deshalb Schuld und Verantwortung zwei verschiedene Dinge.

Vielleicht bin ich nicht schuld daran, was passiert ist.

Trotzdem kann ich irgendwann fragen:

Was kann ich ab heute beeinflussen?

Darüber schreibe ich auch in meinem Artikel „Opferrolle verstehen und überwinden – Wege zurück in die Verantwortung“.

Wann sind meine Grenzen zu schwach – und wann zu stark?

Beim Thema Abgrenzung sprechen wir meistens darüber, dass Menschen zu wenig Grenzen haben.

Aber auch das Gegenteil gibt es.

Wer niemanden mehr an sich heranlässt, keine Kritik erträgt, jede Unstimmigkeit als Grenzüberschreitung betrachtet oder Beziehungen sofort beendet, sobald es unangenehm wird, hat vielleicht sehr starke Mauern.

Aber nicht unbedingt gesunde Grenzen.

Deshalb finde ich eine Frage besonders hilfreich:

Wie fühle ich mich regelmässig nach einem Gespräch, einem Meeting, einem Telefonat oder einer Begegnung mit diesem Menschen?

Erschöpft?
Klein?
Schuldig?
Wütend?
Ängstlich?
Unter Druck?

Oder ruhig, gesehen und frei?

Emotionen können sehr gute Signale sein.

Aber sie sind keine Richter.

Denn ich kann mich nach einem Gespräch auch deshalb schlecht fühlen, weil ich gerade zum ersten Mal eine gesunde Grenze gesetzt habe.

Vielleicht habe ich Nein gesagt.

Vielleicht war meine Mutter enttäuscht.

Vielleicht ist mein Partner wütend.

Vielleicht findet mein Chef meine Entscheidung nicht besonders toll.

Mein Schuldgefühl beweist dann nicht automatisch, dass meine Grenze falsch war.

Manchmal zeigt es nur, dass ich etwas tue, das ich noch nicht gewohnt bin.

Über die Funktion unangenehmer Gefühle schreibe ich ausführlicher in „Umgang mit negativen Emotionen“.

Was gehört zu mir – und was gehört zum anderen?

Das ist wahrscheinlich die Frage, die ich in meinen Coachings am häufigsten stelle.

Wer hat eigentlich gerade das Thema?

Nehmen wir ein einfaches Beispiel.

Ich sage Nein.

Mein Gegenüber ist enttäuscht.

Jetzt gibt es zwei Ebenen.

Seine Enttäuschung gehört zunächst zu ihm.

Aber sobald ich seine Enttäuschung kaum aushalte, bekomme auch ich ein Thema.

Vielleicht denke ich:

Ich muss das wieder in Ordnung bringen.
Ich muss erklären.
Ich muss dafür sorgen, dass er nicht mehr enttäuscht ist.
Ich muss beweisen, dass ich kein schlechter Mensch bin.

Und plötzlich trage ich nicht nur meine Entscheidung.

Ich versuche zusätzlich noch, die emotionale Reaktion des anderen zu kontrollieren.

Genau dort verschwimmen Grenzen.

Ver-Antwortung: Habe ich meine Antwort vielleicht längst gegeben?

Ich zerlege mir das Wort Verantwortung manchmal ganz bewusst als Denkbild in „Antwort“.

Nicht als sprachwissenschaftliche Erklärung.

Sondern als Coachingfrage.

Wo habe ich meine Antwort eigentlich längst gegeben?

Ich habe meine Sicht erklärt.

Ich habe Nein gesagt.

Ich habe meine Entscheidung begründet.

Ich habe eine Möglichkeit angeboten.

Ich habe gesagt, was ich leisten kann und was nicht.

Und trotzdem beginne ich wieder von vorne.

Noch eine Nachricht.
Noch eine Rechtfertigung.
Noch ein Telefonat.
Noch ein Versuch, den anderen von meiner Position zu überzeugen.

Dann frage ich mich:

Habe ich meine Antwort bereits gegeben?

Wenn ja, liegt der nächste Schritt vielleicht gar nicht mehr bei mir.

Das ist ein Gedanke, den ich selbst immer wieder lernen musste.

Die Probleme meiner Eltern sind nicht automatisch auch meine Probleme.

Und trotzdem kann es sich genau so anfühlen.

Ich kann meine Mutter lieben.

Ich kann meinem Vater helfen.

Ich kann Anteil nehmen.

Und trotzdem muss ich nicht jedes Problem zu meinem eigenen machen.

Gerade Schuldgefühle gegenüber den Eltern können dabei sehr hartnäckig sein. Dazu passt mein Artikel „Warum habe ich gegenüber meinen Eltern immer wieder ein schlechtes Gewissen?“.

Grenzen lernen wir schon als Kinder

Eigentlich beginnt Abgrenzung erstaunlich früh.

Bei einem kleinen Kind helfen Eltern beim Waschen, Anziehen oder auf der Toilette.

Irgendwann verändert sich das.

Das Kind will die Badezimmertür schliessen.

Es möchte nicht mehr, dass jemand einfach ins Zimmer kommt.

Es entscheidet stärker darüber, wer seinen Körper berühren darf.

Es entwickelt Privatsphäre.

Was bei einem Dreijährigen vollkommen normal ist, kann bei einem Fünfzehnjährigen eine massive Grenzüberschreitung sein.

Das zeigt etwas Wichtiges:

Grenzen sind nicht starr. Sie entwickeln sich.

Auch als Erwachsene dürfen wir deshalb feststellen:

Was früher für mich in Ordnung war, ist es heute nicht mehr.

Eine Freundschaft verändert sich.

Eine Partnerschaft verändert sich.

Ich verändere mich.

Und ich darf eine alte Vereinbarung neu beurteilen.

Grenzen in Beziehungen: Nähe ohne Selbstaufgabe

In meinen Coachings sehe ich sehr häufig Beziehungen, in denen sich Grenzen langsam verschoben haben.

Nicht zwingend von heute auf morgen.

Sondern Stück für Stück.

Ein Partner macht eine verletzende Bemerkung.

Der andere lässt sie stehen.

Eine Forderung kommt dazu.

Dann eine weitere.

Irgendwann wird Rechtfertigung zum Alltag.

Manchmal sehe ich dabei Verhaltensweisen, die man als narzisstisch bezeichnen könnte.

Damit meine ich ausdrücklich keine Ferndiagnose.

Nicht jeder egoistische, manipulative, schwierige oder rücksichtslose Mensch hat eine narzisstische Persönlichkeitsstörung.

Aber es gibt Beziehungsmuster, in denen einer zunehmend Raum beansprucht und der andere zunehmend nachgibt.

Darüber schreibe ich in „Warum gerate ich immer wieder an Menschen, die mich ausnutzen?“.

Die entscheidende Frage ist dann nicht immer:

Wie bringe ich den anderen dazu, sich anders zu verhalten?

Sondern manchmal:

Was verändere ich an meiner eigenen Position?

Eine kleine Veränderung kann erstaunlich viel verändern

Grenzen setzen klingt schnell nach einem grossen Gespräch.

„Wir müssen reden.“

Zwei Stunden am Küchentisch.

Alle Kindheitstraumata aufarbeiten.

Manchmal ist das sinnvoll.

Manchmal nicht.

In der Praxis können sehr kleine Veränderungen erstaunlich wirksam sein.

Jemand verlangt etwas von mir.

Statt mich sofort zu erklären, frage ich:

„Warum erwartest du das eigentlich von mir?“

Jemand kritisiert meine Entscheidung.

Ich erkläre sie nicht zum fünften Mal.

Jemand macht eine provozierende Bemerkung.

Ich lasse sie stehen.

Mein Chef schreibt ausserhalb meiner Arbeitszeit.

Ich beantworte die Nachricht am nächsten Arbeitstag.

Mein Partner versucht, mir seine Stimmung zu übertragen.

Ich frage mich:

Wer hat gerade das Thema?

Und manchmal besteht eine Grenze tatsächlich nur aus einem Wort:

Nein.

Nicht aggressiv.

Nicht beleidigt.

Nicht als Strafe.

Einfach Nein.

Eine Grenze braucht nicht immer eine Rechtfertigung

Das ist für viele Menschen schwierig.

Wir glauben:

Wenn mein Nein gut genug begründet ist, wird der andere es akzeptieren.

Deshalb suchen wir nach dem perfekten Argument.

Nur gibt es ein Problem:

Wer meine Grenze nicht akzeptieren möchte, kann über nahezu jedes Argument diskutieren.

„Ich habe keine Zeit.“

„Dann mach es später.“

„Ich bin müde.“

„So müde kannst du doch nicht sein.“

„Ich möchte das nicht.“

„Warum denn nicht?“

Und plötzlich verteidige ich mich vor einem Gericht, das gar keines ist.

Natürlich darf ich erklären, warum ich etwas nicht möchte.

Ich halte Kommunikation für wichtig.

Aber ich muss nicht so lange argumentieren, bis mein Gegenüber meine Grenze für berechtigt erklärt.

Besonders schwierig wird Abgrenzung, wenn ich nicht einfach gehen kann

Viele Ratschläge zum Thema Grenzen funktionieren wunderbar, solange man jederzeit sagen kann:

„Dann geh.“

Aber das Leben ist häufig komplizierter.

Vielleicht ist es mein Chef.

Mein Mitarbeiter.

Mein Vater.

Meine Mutter.

Mein Nachbar.

Der andere Elternteil meines Kindes.

Oder jemand, mit dem ich aus finanziellen, beruflichen oder familiären Gründen weiterhin zu tun haben werde.

Dann besteht Abgrenzung nicht unbedingt darin, Kontakt abzubrechen.

Vielleicht geht es darum, meine Position innerhalb des bestehenden Systems zu verändern.

Weniger erklären.

Klare Zuständigkeiten.

Bestimmte Themen nicht mehr diskutieren.

Gespräche beenden, wenn sie respektlos werden.

Nicht sofort reagieren.

Nicht jeden Konflikt lösen.

Nicht jede Emotion auffangen.

Das klingt klein.

Kann aber sehr viel verändern.

„Und so etwas will Coach sein“

Es gibt einen Satz, mit dem ich erstaunlich häufig persönlich angegriffen werde.

Sinngemäss:

„Und so etwas will Coach sein.“

Ich muss darüber inzwischen fast lachen.

Denn natürlich bin ich nicht fehlerfrei.

Ich treffe falsche Entscheidungen.

Ich habe blinde Flecken.

Ich ärgere mich.

Ich reagiere manchmal emotional.

Ich habe Beziehungen, Konflikte und Themen wie jeder andere Mensch auch.

Warum sollte ein Coach kein Mensch mehr sein dürfen?

Spannender finde ich inzwischen etwas anderes.

Wenn eine Diskussion von der Sachebene plötzlich zu meiner Person wechselt, kann ich mich fragen:

Muss ich mich darauf überhaupt einlassen?

Vielleicht steckt in der Kritik etwas Wahres.

Dann kann ich hinschauen.

Vielleicht ist es aber schlicht eine Beleidigung.

Dann muss ich sie nicht widerlegen.

Auch das ist eine Grenze.

Ich muss nicht jedem Menschen beweisen, dass ich ein guter Coach bin.

Und ich muss auch nicht verhindern, dass irgendjemand mich für einen schlechten hält.

Eine Grenze ist keine Fernbedienung für andere Menschen

Hier sehe ich ein häufiges Missverständnis.

„Meine Grenze ist, dass du keine anderen Männer triffst.“

„Meine Grenze ist, dass du mich nicht kritisierst.“

„Meine Grenze ist, dass du jeden Abend um sieben zuhause bist.“

Das können Wünsche, Bedingungen oder Beziehungsvereinbarungen sein.

Aber eine persönliche Grenze beantwortet vor allem die Frage:

Was tue ich?

Zum Beispiel:

„Wenn du mich anschreist, beende ich das Gespräch.“

„Wenn unsere Beziehung nicht exklusiv ist, möchte ich sie nicht weiterführen.“

„Wenn meine Arbeitszeit dauerhaft nicht respektiert wird, werde ich das ansprechen und gegebenenfalls Konsequenzen ziehen.“

Eine Grenze ist also nicht:

Du musst dich verändern.

Sondern eher:

Ich entscheide, wie ich mit einer Situation umgehe.

Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Auch der andere darf Grenzen haben

Das ist die unbequeme Hälfte des Themas.

Ich darf Nein sagen.

Aber der andere auch.

Ich darf einen Kontakt reduzieren.

Der andere ebenfalls.

Ich darf entscheiden, welche Beziehung für mich funktioniert.

Und mein Gegenüber darf zum gegenteiligen Ergebnis kommen.

Grenzen setzen bedeutet deshalb auch:

Die Grenze des anderen auszuhalten.

Ich habe kein Recht darauf, dass jemand meine Grenze sympathisch findet.

Ich habe kein Recht auf Zustimmung.

Und ich habe nicht automatisch ein Recht auf die Beziehung, nachdem ich meine Grenze gesetzt habe.

Das kann schmerzhaft sein.

Aber ohne diese Gegenseitigkeit wird aus „Grenzen setzen“ schnell ein hübscheres Wort für Kontrolle.

Warum eine gesunde Grenze biologisch eher einer Schleimhaut als einer Betonmauer ähnelt

Ich finde biologische Grenzen als Bild faszinierend.

Unsere Schleimhäute trennen nicht einfach stumpf „innen“ und „aussen“.

Gerade die Darmschleimhaut ist eine selektiv durchlässige Barriere: Sie ermöglicht die Aufnahme bestimmter Stoffe und den Austausch mit der Umwelt und begrenzt gleichzeitig das Eindringen unerwünschter Bestandteile.

Auch das Immunsystem muss laufend unterscheiden, worauf es reagieren soll und was es tolerieren kann.

Natürlich beweist das keine psychologische Theorie.

Für mich ist es ein Bild.

Eine lebendige Grenze ist nicht einfach geschlossen.

Sie muss unterscheiden können.

Was ist gut für mich?

Was ist ungefährlich?

Was braucht eine Reaktion?

Und was darf passieren, ohne dass ich sofort in Alarmbereitschaft gerate?

Vielleicht ist genau deshalb eine Schleimhaut sogar ein besseres Bild für eine gesunde psychologische Grenze als eine Betonwand.

Oder eben meine Burg:

Nicht jeder bleibt draussen. Aber auch nicht jeder bekommt den Schlüssel.

Weiterführend: Review zur intestinalen Barriere und Schleimhautfunktion.

Was haben Grenzen mit Nervensystem, Hormonen und Gesundheit zu tun?

Wenn wir von Grenzen sprechen, sollten wir vorsichtig sein, psychologische Konzepte nicht medizinisch zu überhöhen.

Ein Nein ist keine Hormontherapie.

Und Grenzen setzen ist keine Behandlung für körperliche oder psychische Erkrankungen.

Was wir allerdings gut wissen:

Psychischer und sozialer Stress wirkt nicht nur „im Kopf“. Stressreaktionen werden unter anderem über das autonome Nervensystem und die sogenannte Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse – kurz HPA-Achse – vermittelt. Diese Systeme stehen wiederum in engem Austausch mit Immunprozessen.

Bei chronischem Stress können sich diese Regulationssysteme verändern.

Wenn ich also über längere Zeit ständig unter Druck stehe, Konflikte erwarte, mich für alles verantwortlich fühle oder kaum Erholungsräume habe, kann das zu einer dauerhaften Stressbelastung beitragen.

Eine vernünftige Grenze kann eine Möglichkeit sein, Belastungen zu reduzieren.

Aber ich würde daraus nie den simplen Satz machen:

„Setz Grenzen und dein Cortisol sinkt.“

Der menschliche Körper ist komplizierter.

Weiterführend: Review zu Stress, HPA-Achse, autonomem Nervensystem und Immunfunktion.

Haben fehlende Grenzen etwas mit Depression zu tun?

Auch hier wäre mir eine einfache Ursache-Wirkung-Erklärung zu billig.

Depressionen können sehr unterschiedliche biologische, psychologische und soziale Ursachen und Einflussfaktoren haben.

Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2025 zeigte allerdings einen deutlichen Zusammenhang zwischen zwischenmenschlichen Problemen und depressiven Symptomen.

Ein Zusammenhang ist aber noch kein Beweis dafür, dass das eine das andere verursacht.

Für mich bedeutet das:

Wenn ein Mensch dauerhaft gegen die eigenen Bedürfnisse lebt, ständig Konflikte aushält, wenig Selbstwirksamkeit erlebt oder sich permanent für das emotionale Gleichgewicht anderer verantwortlich fühlt, lohnt es sich, diese Beziehungsmuster anzuschauen.

Aber:

Eine Depression ist nicht der Beweis dafür, dass jemand „seine Grenzen nicht richtig gesetzt“ hat.

Das wäre wieder genau die Schuldumkehr, die ich vermeiden möchte.

Bei einer Depression, bei Gewalt, Missbrauch oder akuter psychischer Belastung gehört zudem professionelle medizinische oder psychotherapeutische Hilfe dazu, wenn sie nötig ist.

Weiterführend: Meta-Analyse zu zwischenmenschlichen Problemen und depressiven Symptomen.

Grenzen setzen bedeutet nicht, Unangenehmes zu vermeiden

Auch das ist ein wichtiger Unterschied.

Manchmal höre ich:

„Das ist meine Grenze.“

Und eigentlich bedeutet es:

„Ich möchte mich nicht mit etwas Unangenehmem auseinandersetzen.“

Eine Kritik kann unangenehm sein und trotzdem berechtigt.

Eine Partnerin kann enttäuscht sein, ohne mich zu manipulieren.

Mein Chef darf Anforderungen stellen.

Meine Mutter darf eine andere Meinung haben.

Mein Gegenüber muss nicht jedes Wort so formulieren, dass ich mich niemals unwohl fühle.

Eine Grenze soll mich nicht vor jedem unangenehmen Gefühl schützen.

Sonst wird sie zur Vermeidung.

Die Frage lautet also nicht nur:

Fühlt sich das schlecht an?

Sondern:

Was genau passiert hier?

Fünf Sekunden, die viel verändern können

Bevor ich automatisch Ja sage, mich erkläre, mich verteidige oder ein fremdes Problem zu meinem mache, hilft manchmal schon eine kurze Pause.

Und ein paar Fragen:

Wer hat gerade das Thema?

Wessen Verantwortung ist das?

Habe ich meine Antwort bereits gegeben?

Muss ich darauf überhaupt reagieren?

Was passiert, wenn ich für fünf Sekunden nichts tue?

Gerade Menschen, die sehr schnell Verantwortung übernehmen, unterschätzen häufig die Kraft dieser kleinen Pause.

Denn in diesen fünf Sekunden entsteht etwas Entscheidendes:

Wahlfreiheit.

Acht Coaching-Fragen zu deinen eigenen Grenzen

1. Wie fühle ich mich regelmässig nach dem Kontakt mit diesem Menschen?

Nicht nach einem einzelnen schlechten Tag, sondern über längere Zeit.

2. Was genau wurde gerade berührt?

Eine tatsächliche Grenze? Ein Bedürfnis? Meine Angst vor Ablehnung? Mein Wunsch nach Harmonie?

3. Wer hat gerade das Thema?

Versuche ich ein Problem zu lösen, das eigentlich dem anderen gehört?

4. Habe ich meine Antwort bereits gegeben?

Oder rechtfertige ich mich gerade zum fünften Mal?

5. Was befürchte ich, wenn ich Nein sage?

Ablehnung? Streit? Schuldgefühl? Liebesentzug? Eine schlechte Bewertung?

6. Setze ich gerade eine Grenze – oder versuche ich, den anderen zu kontrollieren?

Diese Frage kann unangenehm sein. Gerade deshalb finde ich sie wichtig.

7. Was wäre die kleinste Veränderung, die meine Position verändern könnte?

Ein Nein? Eine Gegenfrage? Später antworten? Eine Bemerkung nicht kommentieren?

8. Was werde ich tun, wenn meine Grenze wieder überschritten wird?

Denn spätestens hier zeigt sich, ob eine Grenze nur ein Wunsch bleibt oder tatsächlich Konsequenzen für mein eigenes Verhalten hat.

Grenzen, People Pleasing und Verantwortung

Viele Menschen, die Mühe mit Abgrenzung haben, sind nicht schwach.

Oft sogar das Gegenteil.

Sie tragen viel.

Sie kümmern sich.

Sie denken voraus.

Sie helfen.

Sie übernehmen Verantwortung.

Das Problem entsteht, wenn aus Verantwortung Über-Verantwortung wird.

Wenn ich nicht nur für mein Verhalten verantwortlich bin, sondern plötzlich auch noch dafür,

dass mein Partner zufrieden ist,

meine Eltern nicht enttäuscht sind,

mein Mitarbeiter motiviert ist,

meine Freunde meine Entscheidung verstehen

und meine Instagram-Follower mich sympathisch finden.

Dann wird die Burg irgendwann sehr voll.

In meinem Artikel „Win-win-win: Warum eine gute Lösung bei dir selbst beginnt“ beschäftige ich mich genau mit dieser Frage: Wie kann ich andere mitdenken, ohne mich selbst dabei zu vergessen?

Und manchmal wissen wir sogar ganz genau, dass uns eine Situation nicht guttut – und bleiben trotzdem darin. Warum das so sein kann, beschreibe ich in „Warum weiss ich, was mir schadet – und tue es trotzdem?“.

FAQ: Grenzen setzen und Abgrenzung

Warum fällt es mir so schwer, Grenzen zu setzen?

Häufig geht es nicht darum, dass wir nicht wissen, was wir möchten. Schwieriger ist, die mögliche Reaktion des anderen auszuhalten. Ablehnung, Enttäuschung, Konflikte oder Schuldgefühle können dazu führen, dass wir lieber Ja sagen, obwohl wir Nein meinen.

Warum habe ich Schuldgefühle, wenn ich Nein sage?

Ein Schuldgefühl bedeutet nicht automatisch, dass du dich falsch verhalten hast. Gerade wenn du lange gelernt hast, für andere verfügbar zu sein oder Harmonie herzustellen, kann sich eine neue Grenze zunächst ungewohnt oder sogar falsch anfühlen.

Woran erkenne ich, dass jemand meine Grenzen überschreitet?

Ein einzelnes unangenehmes Gefühl reicht als Beweis nicht aus. Hinweise können jedoch wiederholter Druck, Missachtung eines klar kommunizierten Nein, Respektlosigkeit, Kontrolle oder das dauerhafte Übergehen deiner Bedürfnisse sein. Hilfreich ist die Frage, ob ein Muster entsteht.

Muss ich mein Nein begründen?

Nein. Du kannst es erklären, wenn du möchtest. Kommunikation kann sehr hilfreich sein. Aber du musst deine Grenze nicht so lange begründen, bis dein Gegenüber sie für richtig hält.

Ist Grenzen setzen egoistisch?

Nicht automatisch. Grenzen können Beziehungen sogar verlässlicher machen, weil klarer wird, was freiwillig geschieht und was nicht. Egoistisch kann sowohl grenzenloses Nehmen als auch vollständige Rücksichtslosigkeit sein. Eine Grenze allein sagt darüber noch nichts aus.

Was mache ich, wenn jemand meine Grenze nicht respektiert?

Dann wird die entscheidende Frage: Was kannst du tun? Ein Gespräch beenden, Abstand schaffen, deine Verfügbarkeit verändern, Unterstützung holen oder – falls möglich und nötig – eine Beziehung oder Zusammenarbeit verlassen. Welche Konsequenz angemessen ist, hängt stark von der Situation ab.

Kann man auch zu starke Grenzen haben?

Ja. Wenn Grenzen so starr werden, dass Nähe, Kritik, Kompromisse oder Verletzlichkeit kaum noch möglich sind, dienen sie vielleicht eher der Abschottung als einem gesunden Kontakt.

Was ist der Unterschied zwischen einer Grenze und Kontrolle?

Eine Grenze beschreibt vor allem, was du für dich entscheidest und wie du handelst. Kontrolle versucht, dem anderen vorzuschreiben, wie er sich verhalten muss. In Beziehungen gibt es natürlich auch gemeinsame Vereinbarungen – aber diese funktionieren nur, wenn beide ihnen zustimmen.

Schlussgedanke

Vielleicht brauchen wir im Leben gar nicht immer höhere Mauern.

Vielleicht brauchen wir bessere Tore.

Tore, die wir öffnen können, wenn etwas oder jemand uns guttut.

Und die wir schliessen dürfen, wenn etwas nicht mehr stimmt.

Wir dürfen hinschauen, bevor wir jemanden hereinlassen.

Wir dürfen unsere Meinung ändern.

Wir dürfen feststellen, dass etwas, das früher in Ordnung war, heute nicht mehr passt.

Und wir dürfen gleichzeitig darauf achten, dass unsere Burg nicht irgendwann so gut geschützt ist, dass niemand mehr zu uns durchkommt.

Für mich bedeutet gute Abgrenzung deshalb nicht:

Ich brauche dich nicht.

Sondern eher:

Ich kann mit dir verbunden sein, ohne alles von dir zu meinem Thema zu machen.

Ich darf helfen, ohne alles zu übernehmen.

Ich darf lieben, ohne mich aufzugeben.

Ich darf zuhören, ohne jedes Problem zu lösen.

Ich darf Nein sagen, ohne dich zum schlechten Menschen zu erklären.

Und ich darf dir deine Verantwortung lassen, während ich meine eigene übernehme.

Vielleicht ist genau das eine gesunde Grenze:

nicht möglichst viel Abstand – sondern die richtige Nähe.

Wenn du merkst, dass dich das länger beschäftigt

Oft wissen wir ziemlich genau, wo eine Grenze wäre.

Und setzen sie trotzdem nicht.

Dann liegt das Problem selten nur am fehlenden Satz.

Vielleicht geht es um Schuld.

Angst vor Ablehnung.

Alte Familienrollen.

Loyalität.

Abhängigkeit.

Oder um die Frage, ob ich überhaupt das Recht habe, etwas nicht mehr mitzumachen.

Im Coaching geht es für mich deshalb nicht darum, einem Menschen einfach beizubringen, öfter Nein zu sagen.

Mich interessiert vielmehr:

Was gehört wirklich zu dir?

Was hast du übernommen, obwohl es eigentlich jemand anderem gehört?

Und welche Grenze ermöglicht dir nicht weniger Beziehung – sondern eine bessere?

Wenn du merkst, dass dich das länger beschäftigt

Dann kann ein Gespräch sinnvoll sein. Nicht für schnelle Lösungen – sondern um herauszufinden, was wirklich für dich passt.

klar
ehrlich
direkt