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Ist Kiffen besser als Alkohol? Warum die eigentliche Frage tiefer geht

Veröffentlicht am
31.12.2025
Cannabispflanze als Symbol für Kiffen, Freiheit, Zugehörigkeit, Vermeidung von Schmerz und die Suche nach Entlastung.

Ist Kiffen weniger schädlich als Alkohol?

Kiffen kann in bestimmten Bereichen weniger zerstörerisch wirken als Alkohol. Das bedeutet jedoch nicht, dass Cannabis harmlos ist. Auch Cannabis kann abhängig machen, Motivation reduzieren, Gefühle dämpfen und psychische Probleme verstärken. Die wichtigere Frage lautet deshalb oft nicht: Welche Droge ist weniger schlimm? Sondern: Warum brauche ich überhaupt eine Droge?

Was versuche ich eigentlich nicht zu fühlen?

"Lieber kiffen als saufen."

Diesen Satz habe ich schon oft gehört.

Von jungen Menschen.

Von Gleichaltrigen.

Von Menschen, die Alkohol ablehnen, aber Cannabis relativ harmlos finden.

Und ja: Man kann darüber diskutieren, ob Alkohol oder Cannabis im direkten Vergleich schädlicher ist.

Alkohol zerstört viele Leben.

Körperlich.

Sozial.

Emotional.

Trotzdem greift die Frage für mich zu kurz.

Denn vielleicht lautet die eigentliche Frage nicht:

Ist Kiffen besser als Saufen?

Sondern:

Warum brauche ich überhaupt etwas, das mich verändert, dämpft oder von mir selbst wegbringt?

Warum ich mit ungefähr 14 angefangen habe zu kiffen

Wenn ich ehrlich zurückblicke, hatte Cannabis für mich mehrere Funktionen.

Ich habe nicht gekifft, weil ich mein Leben zerstören wollte.

Ich habe gekifft, weil Cannabis etwas für mich erledigt hat.

Es machte Dinge leichter.

Leiser.

Interessanter.

Erträglicher.

Und genau das macht solche Substanzen gefährlich.

Nicht weil sie nur schlecht sind.

Sondern weil sie am Anfang oft tatsächlich etwas bringen.

Cannabis machte gleichgültig

Stress mit der Schule.

Stress mit den Eltern.

Stress mit mir selbst.

Pubertät.

Hormone.

Unsicherheit.

Das Gefühl, nicht richtig gesehen oder verstanden zu werden.

Cannabis löste diese Probleme nicht.

Aber es machte sie für ein paar Stunden weniger wichtig.

Nicht weg.

Nur gedämpft.

Und manchmal reicht genau das, damit ein Mensch weiter konsumiert.

Es zwingt dich zu nichts.

Es macht Probleme nur leiser.

Und manchmal werden sie so leise, dass man vergisst, sie überhaupt noch anzuschauen.

Die Freiheit verschwindet dann nicht plötzlich.

Sie wird langsam kleiner.

Fast unbemerkt.

Cannabis brachte wieder Spass

Viele Dinge, die mich als Kind begeistert hatten, wirkten irgendwann leer oder langweilig.

Cannabis brachte kurzfristig wieder Leichtigkeit.

Musik wurde intensiver.

Gespräche wurden bedeutungsvoller.

Lachen fiel leichter.

Die Welt wirkte für einen Moment weniger flach.

Das ist wichtig zu verstehen.

Viele Menschen kiffen nicht, weil sie faul oder dumm sind.

Sie kiffen, weil sie wieder etwas spüren wollen.

Oder weil sie weniger spüren wollen.

Manchmal beides gleichzeitig.

Kiffen war cool

In der Schule zeigte man uns zur Prävention den Film "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo".

Ironischerweise machte mich dieser Film nicht vorsichtiger.

Er machte mich eher neugierig.

Das ist vielleicht unangenehm zuzugeben.

Aber es ist ehrlich.

Manche Warnungen schrecken Jugendliche nicht ab.

Sie machen das Verbotene erst interessant.

Cannabis war nicht nur eine Substanz.

Es war ein Symbol.

Für Coolness.

Für Abgrenzung.

Für eine Welt ausserhalb der Erwachsenenregeln.

Kiffen fühlte sich nach Freiheit an

Als Jugendlicher hatte ich oft das Gefühl, dass vieles über meinen Kopf hinweg entschieden wurde.

Schule.

Eltern.

Regeln.

Erwartungen.

Cannabis fühlte sich an wie etwas, das ich selbst bestimmen konnte.

Wenn ich schon wenig Kontrolle über mein Leben hatte, dann wenigstens darüber, was ich mit meinem eigenen Körper machte.

Natürlich war das rückblickend nur eine scheinbare Freiheit.

Aber damals fühlte es sich echt an.

Kiffen war Abenteuer

Cannabis bedeutete auch:

Neue Menschen.

Neue Situationen.

Neue Bewusstseinszustände.

Beschaffung.

Heimlichkeit.

Nervenkitzel.

Zugehörigkeit.

Manchmal unterschätzen Erwachsene genau diesen Teil.

Für Jugendliche ist nicht nur die Wirkung interessant.

Sondern das ganze Drumherum.

Das Gefühl, Teil von etwas zu sein.

Das Gefühl, etwas zu erleben.

Das Gefühl, nicht langweilig zu sein.

Alkohol erfüllte eine andere Funktion

Alkohol war bei mir anders.

Alkohol machte nicht gleichgültig.

Alkohol enthemmte.

Er machte mutiger.

Lustiger.

Offener.

Zumindest scheinbar.

Als Wirtskind hatte ich ausserdem früh Zugang zu Alkohol.

Und plötzlich konnte Alkohol aus einem Aussenseiter jemanden machen, der dazugehört.

Auch darüber habe ich im Blog Habe ich ein Alkoholproblem? ausführlicher geschrieben.

Denn Alkohol und Cannabis erfüllen oft unterschiedliche Funktionen.

Alkohol macht viele Menschen lauter.

Cannabis macht viele Menschen leiser.

Beides kann kurzfristig helfen.

Und beides kann langfristig verhindern, dass man sich ehrlich mit sich selbst beschäftigt.

Die eigentliche Frage ist nicht Cannabis oder Alkohol

Viele Diskussionen drehen sich um Vergleiche.

Was ist schädlicher?

Was ist gesellschaftlich schlimmer?

Was sollte legal sein?

Was sollte verboten sein?

Diese Fragen sind nicht unwichtig.

Aber für den einzelnen Menschen sind oft andere Fragen entscheidender:

Warum will ich mich überhaupt betäuben?

Warum halte ich mich nüchtern schlecht aus?

Warum brauche ich etwas, um mich freier, lockerer oder weniger angespannt zu fühlen?

Warum wird mein Alltag erst mit Substanz interessant?

Diese Fragen sind unbequemer.

Aber hilfreicher.

Das Gegenteil vom Leben ist nicht der Tod

Früher dachte ich:

Das Gegenteil vom Leben ist der Tod.

Heute sehe ich das anders.

Für mich ist das Gegenteil vom Leben nicht der Tod.

Sondern das Leiden.

Damit meine ich nicht Schmerz.

Nicht Trauer.

Nicht Verlust.

Diese Dinge gehören zum Leben.

Ich meine das Leiden, das entsteht, wenn wir unsere Probleme dauerhaft verdrängen.

Wenn wir ständig vor uns selbst ausweichen.

Wenn wir nicht mehr leben, sondern nur noch dämpfen.

Wenn Cannabis nicht mehr Genuss ist, sondern Flucht.

Mein Wendepunkt: Ich wollte nicht mehr nur dämpfen

Bei Cannabis gab es bei mir keinen dramatischen Film-Moment.

Keine Nacht wie beim Rauchen.

Keinen einen Satz wie "Nicht mit mir."

Keinen Absturz wie in einem schlechten Präventionsfilm.

Es war leiser.

Ich merkte irgendwann:

Cannabis hilft mir nicht, mein Leben zu leben.

Es hilft mir, mein Leben für eine Weile nicht so deutlich zu spüren.

Das war der entscheidende Unterschied.

Und irgendwann wollte ich nicht mehr nur dämpfen.

Ich wollte hinschauen.

Erst als ich begann, meine Themen wirklich anzuschauen, brauchte ich Cannabis und Alkohol nicht mehr auf dieselbe Weise.

Nicht weil plötzlich alles einfach war.

Sondern weil ich nicht mehr ständig vor mir selbst ausweichen wollte.

Warum weiss ich, was mir schadet – und tue es trotzdem?

Viele Menschen wissen längst, dass ihnen Cannabis nicht guttut.

Sie merken, dass sie träger werden.

Weniger motiviert.

Unklarer.

Ängstlicher.

Abhängiger.

Und trotzdem konsumieren sie weiter.

Das ist nicht einfach Dummheit.

Oft geht es um kurzfristige Entlastung.

Um Vermeidung.

Um innere Konflikte.

Um das Bedürfnis, etwas nicht fühlen zu müssen.

Genau darüber habe ich im Blog Warum weiss ich, was mir schadet – und tue es trotzdem? ausführlicher geschrieben.

Woran erkenne ich, dass Kiffen ein Problem wird?

Nicht jeder Joint bedeutet automatisch ein Problem.

Aber es gibt Warnzeichen.

Du kiffst häufiger, als du eigentlich möchtest.

Du brauchst Cannabis, um abzuschalten.

Du verlierst Motivation.

Du schiebst wichtige Dinge auf.

Du kiffst allein.

Du verheimlichst deinen Konsum.

Du fühlst dich ohne Cannabis leer oder gereizt.

Du hast weniger Interesse an Menschen, Arbeit, Bewegung oder Zukunft.

Du nimmst dir vor aufzuhören und tust es doch nicht.

Du fragst dich immer wieder, ob du ein Problem hast.

Diese Frage allein ist keine Diagnose.

Aber sie ist ein Hinweis, genauer hinzuschauen.

Warum Aufhören oft schwerer ist als gedacht

Viele Menschen unterschätzen Cannabis.

Weil es nicht so spektakulär wirkt wie Alkoholabstürze oder Kokainexzesse.

Cannabis zerstört oft nicht laut.

Es macht eher leise.

Langsamer.

Gleichgültiger.

Unklarer.

Und genau deshalb merken manche erst spät, wie viel Lebensenergie verloren gegangen ist.

Die Schwierigkeit beim Aufhören liegt oft nicht nur im Cannabis selbst.

Sondern in dem, was danach wieder spürbar wird.

Langeweile.

Unruhe.

Traurigkeit.

Wut.

Einsamkeit.

Orientierungslosigkeit.

Wenn Cannabis diese Gefühle jahrelang gedämpft hat, wirkt Nüchternheit am Anfang nicht automatisch befreiend.

Manchmal wirkt sie zuerst unangenehm ehrlich.

Was kann helfen, wenn du mit Kiffen aufhören möchtest?

1. Verstehe die Funktion

Frag nicht nur:

Wie oft kiffe ich?

Frag:

Was erledigt Cannabis für mich?

Ruhe?

Abstand?

Spass?

Zugehörigkeit?

Flucht?

Dort beginnt die eigentliche Arbeit.

2. Beobachte deine Muster

Wann kiffst du?

Abends?

Allein?

Mit bestimmten Freunden?

Nach Stress?

Bei Langeweile?

Nach Konflikten?

Nicht jeder Konsummoment hat dieselbe Bedeutung.

3. Nimm die Leere ernst

Wenn du ohne Cannabis nichts mit dir anzufangen weisst, ist das keine Nebensache.

Dann zeigt sich etwas Wichtiges.

Vielleicht brauchst du nicht nur weniger Cannabis.

Sondern ein Leben, das dich wieder mehr interessiert.

4. Baue echte Alternativen auf

Sport.

Musik.

Natur.

Kreative Projekte.

Sinnvolle Arbeit.

Freundschaften.

Gespräche.

Körperliche Aktivität.

Nicht als Wellness-Liste.

Sondern als reale Gegengewichte zu Betäubung und Gleichgültigkeit.

5. Sprich über das, was du verdrängen möchtest

Viele Süchte leben davon, dass bestimmte Themen nie ausgesprochen werden.

Scham.

Wut.

Trauer.

Einsamkeit.

Überforderung.

Familie.

Selbstwert.

Zukunftsangst.

Wenn diese Themen endlich Sprache bekommen, verliert Cannabis oft einen Teil seiner Funktion.

6. Hol dir Unterstützung

Wenn du merkst, dass du allein nicht weiterkommst, ist Unterstützung sinnvoll.

Das kann Suchtberatung sein.

Therapie.

Coaching.

Eine vertraute Person.

Oder ein Umfeld, das deinen Ausstieg wirklich unterstützt.

Hilfe zu suchen bedeutet nicht, schwach zu sein.

Es bedeutet, dass du dein Leben ernst nimmst.

Coachingfragen

Warum kiffe ich eigentlich?

Was gibt mir Cannabis?

Was macht Cannabis leiser?

Welche Gefühle möchte ich nicht spüren?

Wann wird Kiffen besonders verlockend?

Kiffe ich aus Genuss oder aus Vermeidung?

Was würde ich tun müssen, wenn ich nicht mehr kiffen würde?

Welche Themen müsste ich anschauen?

Welche Menschen, Orte oder Situationen ziehen mich zurück in den Konsum?

Erinnere ich mich noch daran, wie sich echte Freude ohne Cannabis angefühlt hat?

Was wäre möglich, wenn ich wieder klarer wäre?

FAQ

Ist Kiffen weniger schädlich als Alkohol?

Alkohol verursacht oft sichtbarere körperliche und soziale Schäden. Das bedeutet jedoch nicht, dass Cannabis harmlos ist. Auch Cannabis kann abhängig machen, Motivation reduzieren und psychische Probleme verstärken.

Kann Cannabis abhängig machen?

Ja. Besonders psychische Abhängigkeit ist möglich. Viele Menschen merken das daran, dass sie trotz negativer Folgen weiterkiffen oder ohne Cannabis kaum entspannen können.

Woran erkenne ich ein Problem mit Cannabis?

Wenn du häufiger kiffst, als du möchtest, deinen Konsum verheimlichst, wichtige Dinge aufschiebst oder nüchtern kaum noch Freude empfindest, lohnt sich ein ehrlicher Blick.

Warum fällt es schwer, mit Kiffen aufzuhören?

Weil Cannabis oft eine Funktion erfüllt. Es dämpft Stress, Langeweile, Schmerz oder unangenehme Gefühle. Solange diese Funktion nicht verstanden wird, bleibt der Konsum attraktiv.

Muss ich komplett aufhören?

Das hängt von deiner Situation ab. Manche Menschen brauchen vollständige Abstinenz. Andere beginnen mit einer Konsumpause. Entscheidend ist, ehrlich zu prüfen, ob du Cannabis wirklich steuerst oder ob Cannabis dich steuert.

Über den Autor

Ich bin Anton Schumann, Coach in Zürich. In meiner Arbeit begleite ich Menschen, die im Alltag oft funktionieren, innerlich aber feststecken oder spüren, dass bestimmte Muster ihnen nicht mehr guttun.

Viele meiner Texte entstehen aus einer Mischung aus eigener Erfahrung, Coachingpraxis und dem Versuch, menschliches Verhalten nicht moralisch, sondern ehrlich zu verstehen.

Schlussgedanke

Die meisten Menschen kiffen nicht, weil sie ihr Leben zerstören wollen.

Sie suchen etwas.

Ruhe.

Leichtigkeit.

Zugehörigkeit.

Abstand.

Weniger Leiden.

Das Problem ist selten das Bedürfnis.

Das Problem ist die Strategie.

Vielleicht beginnt Veränderung deshalb nicht mit der Frage:

Wie höre ich auf zu kiffen?

Sondern mit einer anderen:

Was versuche ich eigentlich nicht zu fühlen?

➡️ Habe ich ein Alkoholproblem?

➡️ Kokain: Warum Menschen damit anfangen und warum viele nicht mehr aufhören können

➡️ Mit dem Rauchen aufhören: Was mir wirklich geholfen hat

➡️ Warum weiss ich, was mir schadet – und tue es trotzdem?

Wenn du merkst, dass dich das länger beschäftigt

Dann kann ein Gespräch sinnvoll sein. Nicht für schnelle Lösungen – sondern um herauszufinden, was wirklich für dich passt.

klar
ehrlich
direkt