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Ich bin schwul, lesbisch, bisexuell, queer, asexuell, hetero- oder transsexuell. Wer muss das wissen? (M)ein Coming out.

Veröffentlicht am
21.10.2023
Coming Out LGBTIQ Schwul Outing Scham Fremdouting

Die Angst vor dem Schwulsein und das es rauskommt, hat mich früher fast umgebracht. Mein Coming out.

Dabei lag das nur bedingt an meiner ländlichen Herkunft, wo man – wie in den meisten Dörfern – nicht auf einen Homo gewartet hatte. Auch lag es nicht an meinen Geschwistern. Die fanden alles «Andersartige» und somit auch meine sexuelle Präferenz total cool. Ein Grund für meinen jahrelangen Kummer war das vielleicht homophobste Mitglied meiner Familie: nämlich ich selbst.
Doch was wusste ich schon über Schwule: Ich hörte Dinge wie: Schwule sind: alle pädophil, sind keine richtigen Männer, diese Schwuchteln sollte man alle an die Wand stellen. Ausserdem dachte ich, dass alle Schwule an Aids sterben. Wer will da noch schwul sein? 
Die Bereitschaft, mich so anzunehmen, wie ich bin, war daher praktisch unmöglich. Ehrlich gesagt: Ich hasste alles "schwule". Bei mir und bei anderen. Statt mich so zu akzeptieren, wie ich bin, habe ich mir eine geheimnisvolle Aura zugelegt und gelogen, was das Zeug hält.

Ich bin also schwul, lesbisch, bisexuell, queer, asexuell, hetero- oder transsexuell. Wer muss das wissen? (M)ein Coming out.
Erst nach vielen Jahren und zahlreichen Irrwegen konnte ich mir und anderen eingestehen, dass ich schwul bin. Aber es ist, wie wenn man plötzlich 20 Kilo abgenommen hat, im Lotto gewinnt oder aufhört zu saufen oder zu rauchen: Das Leben wird nicht automatisch perfekt, indem man etwas ändert, das Leben bleibt voller Überraschungen, voller Schmerz, aber auch voller Wunder.

Auch wenn ich mich bei meinen Schwestern bereits als Teenager geoutet habe, das Coming-out bleibt für den Rest des Lebens. Neues Arbeitsumfeld, neue Freunde, neue Bekannte: Alle wollen ES wissen. Aber wieso?
Dabei verstehe ich es bis heute nicht. Eine sexuelle Präferenz ist nur eine sexuelle Präferenz. Wir sind jedoch nicht unsere sexuelle Präferenz. Genauso wenig, wie wir nicht unsere Gefühle, unsere Gedanken, unser Geld, unser Titel, unser Impfstatus oder unsere Kleider oder Autos sind. Wir sind grösser als das. Auch du. Doch wir sind Menschen und wir sind neugierig. Die Frage: Warum hast du keine Kinder, warum bist du immer noch Single, kann genau so unangebracht sein.

Schwul-zu-Sein bedrückt mich heute nicht mehr. Mich stört vielmehr, dass es nach wie vor normal ist, dass ich beleidigt, bedroht und belächelt werde. Auch die aktuellen Entwicklungen weltweit sind eher besorgniserregend als tröstlich. Doch wir haben eine Wahl: Brückenbauen oder Jammern.
Wir wissen heute, dass es Homosexualität auch in der Tierwelt gibt. Doch keinem Tier würde es einfallen, ein anderes deswegen auszugrenzen. Doch auch Ausgrenzung gehört zum Menschsein dazu.

Natürlich ist die LGBTIQ+ Community nur eine von vielen Minderheiten. Wir leben in einer Welt, in der es normal ist, sich über andere zu stellen - denn es fühlt sich eben kurzfristig ziemlich gut an. Doch wir können nicht die ganze Welt ändern - aber uns selbst.
Ausserdem, nur weil man plötzlich geoutet ist, heisst das noch lange nicht, dass man nicht auch von anderen Gays gemobbt werden könnte. Ganz im Gegenteil.

Als Mensch, aber auch als Coach ist es meine moralische und ethische Pflicht, dafür zu sorgen, dass wir in Anstand neben- und noch besser miteinander leben können.
Für viele meiner heterosexuellen, muslimischen, christlichen oder einfach uninformierten Kunden war ich die oftmals die erste queere Begegnung in ihrem Leben. Das ist eine Verantwortung, die ich sehr ernst genommen habe. Die Erfahrungen waren hierbei zu 100% positiv. Die negativen Erfahrungen hatten nie etwas mit meiner sexuellen Neigung zu tun. Doch was Menschen hinter meinem Rücken über mich gesagt haben, darüber hatte ich natürlich keine Kontrolle. Und das ist auch gut so.

Nachdem ich die LGBTIQ+ Community so lange verleugnet hatte, unterstütze ich meine Mitmenschen heute als freiwilliger Helfer bei der LGBTIQ+ Helpline und natürlich auch als Coach und Mentor in meiner Praxis. Aber jetzt zur Frage: Soll und oder muss ich mich outen? 

Meine Tipps für ein Coming Out

  1. Du musst dich nicht outen – es geht niemanden etwas an, mit wem du ins Bett gehst und: Fremdouting ist strafbar.
  2. Wenn dich jemand fragt, ob du Gay bist: Halte deine beste Antwort bereit. Meine Antworten wurden mit den Jahren immer kreativer und amüsanter. Wichtig: Respektvoll mit sich und seinem Gegenüber bleiben - wenn möglich.
  3. Coming-Out nebenbei: «Ich und mein Partner waren am Wochenende, mein Ex-Freund war, etc…» erzähle nebenbei, dass du...
  4. Der richtige Zeitpunkt, der richtige Ort? Was willst du wann mit deinem Coming Out bezwecken? Möchtest du deinen Eltern lieber einen Brief senden? Oder soll es ein neutraler Ort sein, wo du jederzeit abhauen kannst? Rede mit Freunden oder Profis darüber.
  5. Lass deinem Umfeld Zeit. In ihren Köpfen müssen erst neue Bilder entstehen können. Das ist ein Prozess und dauert bei jedem unterschiedlich lang. Denk daran, wie lange es bei dir gedauert hat.
  6. Wenn dich jemand nach dem Coming-out nicht mehr respektieren kann, ist dieser Mensch vielleicht gar nicht dein Freund. Er/sie möchte dich möglicherweise gar nicht mehr in ihrem, seinem Leben haben. Das ist zwar schmerzlich, aber die Wahrheit.
  7. Hol dir Hilfe. Hast du dich bei den Geschwistern bereits geoutet und sie wollen dich unterstützen? Sie können dir Rückdeckung geben.
  8. Stell dir dein Leben vor, wie es sein könnte: Offen, keine Geheimnisse mehr, keine Lügen mehr, frei, mit Freunden über die Liebe reden, den Partner auf Feste mitnehmen. Das wird dich vielleicht motivieren, denn du hast es verdient, glücklich und oder frei zu sein. Aber wir müssen auch verstehen, dass das nicht für jeden möglich ist. In 69 Staaten ist Homosexualität nach wie vor strafbar. Und auch hier gibt es genug Mitmenschen, die das nach wie vor gegen alles sind, was nicht heteronormativ ist.
  9. Nutze die vielen Beratungsstellen die es gibt. Hier kannst offen über deine Sorgen reden: LGBTIQ-Helpline, Pink Cross, Queeramnesty, HAZ, du-bist-du, und viele mehr.
  10. Finde einen Partner, eine Partnerin. Zusammen geht manches einfacher.

Wir können nicht abschätzen, wie unser Umfeld auf ein Coming-out reagieren wird.
Sich zu outen ist eine 100% individuelle Entscheidung und das sollte unbedingt respektiert werden. Doch sich aus Scham zu verstecken ist vielleicht auch nicht die beste Lösung. Scham ist nicht immer der beste Ratgeber.

Es ist dein Leben. Glücklichsein ist dein Geburtsrecht. Finde heraus, was das Beste für dich ist.

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