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Bin ich, oder ist mein Freund Autist? Wie gehe ich damit um? Wie lebt man mit Autismus?

Veröffentlicht am
31.10.2023
Autismus Asperger

Autismus verstehen und unterstützen: Einblicke, Stärken und Empathie

1.) Autismus verstehen: Hintergründe und Facetten

Autismus ist eine vielschichtige, neurologische Entwicklungsstörung, die die sozialen Interaktionen, Kommunikation und Verhaltensweisen beeinflusst. Das Spektrum reicht von milden bis zu schweren Ausprägungen, und jeder Mensch (mit Autismus) ist einzigartig. Es ist wichtig zu verstehen, dass autistische Menschen in allen Altersgruppen, Geschlechtern, ethnischen Hintergründen und sozialen Schichten vorkommen können. Weltweit beträgt die Prävalenz von Autismus etwa 1 Prozent der Bevölkerung, was bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, jemanden im Autismus-Spektrum zu kennen.

Hier sind einige mögliche Symptome von Autismus bei Erwachsenen

Hier sind einige mögliche Symptome von Autismus bei Erwachsenen:

1. Schwierigkeiten bei sozialen Interaktionen

  • Schwierigkeiten beim Aufbau und Pflegen von Beziehungen
  • Probleme beim Verständnis sozialer Normen und nonverbaler Kommunikation
  • Schwierigkeiten beim Eingehen von Blickkontakt oder der Interpretation von Blickkontakt anderer Personen

2. Schwierigkeiten bei der Kommunikation

  • Verzögerte oder ungewöhnliche Sprachentwicklung
  • Schwierigkeiten beim Verständnis von Ironie, Sarcasmus oder subtilen sozialen Hinweisen
  • Monotone Sprache oder Schwierigkeiten beim Ausdrücken von Emotionen in der Stimme

3.. Eingeschränkte und sich wiederholende Verhaltensmuster

  • Wiederholtes Bewegen, Schaukeln oder Handflattern
  • Starke Fixierung auf spezifische Interessen oder Aktivitäten
  • Bedarf an routinemäßigen Abläufen und starkem Widerstand gegen Veränderungen

4. Sensitivität gegenüber sensorischen Reizen

  • Überempfindlichkeit oder Unterempfindlichkeit gegenüber Licht, Geräuschen, Berührungen oder Gerüchen
  • Unbehagen in lauten oder überfüllten Umgebungen

5. Eingeschränkte Interessen und Aktivitäten:

  • Intensive Interessen an einem engen Themenspektrum
  • Eintönige oder ritualisierte Aktivitäten
  • Schwierigkeiten bei der Anpassung an neue oder unerwartete Aktivitäten

6. Motorische Koordinationsprobleme:

  • Ungeschicklichkeit oder Probleme mit Feinmotorik
  • Schwierigkeiten beim Erlernen neuer motorischer Fähigkeiten

7. Schwierigkeiten im Berufsleben und in der Ausbildung:

  • Schwierigkeiten bei der Aufrechterhaltung von Arbeitsplatzbeziehungen
  • Herausforderungen bei der Anpassung an neue Arbeitsumgebungen oder -aufgaben
  • Erfahrung von Stress oder Überforderung in sozialen oder beruflichen Situationen

Was denn jetzt: Asperger oder Autismus?

Das Asperger-Syndrom ist eine spezifische Form von Autismus, benannt nach dem Arzt Hans Asperger. Autismus-Spektrum-Störung ist ein umfassenderer Begriff, der verschiedene Arten von Autismus einschliesst. Beide gehören zum Autismus-Spektrum, haben aber unterschiedliche Ausprägungen und Schweregrade.

Erkennen und Diagnostizieren von Autismus

Autismus kann sich durch Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion, wiederholtes Verhalten, eingeschränkte Kommunikation und spezielle Interessen zeigen. Wichtig ist die professionelle Diagnose durch erfahrene Fachleute wie Psychologen oder Psychiatern, um angemessene Unterstützung zu ermöglichen. Viele Menschen im Autismus-Spektrum erkennen ihre Andersartigkeit selbst, wenn auch manchmal sehr spät, was zu einer Reise der Selbstakzeptanz führen kann.

Stärken im Autismus-Spektrum

Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung besitzen eine Fülle von Stärken und positiven Eigenschaften:

  • Spezialinteressen: Intensive Interessen können zu aussergewöhnlichem Fachwissen führen.
  • Detailorientierung: Die Fähigkeit, Details zu erkennen, ist in vielen Berufen von Vorteil.
  • Gutes Gedächtnis: Autistische Menschen können sich oft gut an Details, Daten oder Fakten erinnern.
  • Mustererkennung: Sie erkennen Zusammenhänge, die anderen verborgen bleiben.
  • Kreativität: Viele Autisten haben eine einzigartige Sichtweise auf die Welt, die sich in verschiedenen kreativen Ausdrucksformen zeigt.
  • Ehrlichkeit und Direktheit: Autisten zeichnen sich oft durch ihre Ehrlichkeit und Direktheit aus.
  • Ausdauer und Hingabe: Wenn sie in ihren Spezialinteressen involviert sind, können sie sehr engagiert sein.
  • Strukturiertes Denken: Analytisches Denken ist eine häufige Stärke, besonders in technischen Berufen.
  • Ehrgeiz und Zielstrebigkeit: Autistische Menschen sind oft sehr zielstrebig und hartnäckig.
  • Selbstständigkeit: Viele entwickeln hohe Selbstständigkeit in verschiedenen Lebensbereichen.

Menschen im Autismus-Spektrum in der Berufswelt

Autistische Menschen können in vielen verschiedenen Berufsfeldern erfolgreich sein:

  1. Informatiker/Programmierer: Logisches Denken und Präzision sind in der Softwareentwicklung gefragt.
  2. Techniker/Ingenieure: Analytisches Denken ist in technischen Berufen, wie Elektrotechnik oder Maschinenbau, wichtig.
  3. Wissenschaftler: Autisten könnten sich in Bereichen wie Biologie, Chemie oder Physik wohlfühlen.
  4. Mathematiker/Statistiker: Berufe, die mathematische Fähigkeiten erfordern, könnten passend sein, z. B. als Datenanalysten.
  5. Grafikdesigner/Künstler: Kreative Berufe wie Grafikdesign oder Bildende Kunst können eine gute Wahl sein.
  6. Musiker: Autisten könnten sich als Instrumentalisten, Sänger, Komponisten oder Musikproduzenten entfalten.
  7. Bibliothekar/Archivar: Genauigkeit und Organisation sind in diesen Berufen entscheidend.
  8. Forschungsassistent: Sorgfältige Datenerhebung und -analyse sind in der wissenschaftlichen Forschung wichtig.
  9. Tierpfleger: Autisten könnten sich in der Pflege von Tieren und im strukturierten Umfeld von Tierheimen oder Zoos engagieren.
  10. Buchhalter/Finanzanalyst: Liebe zum Detail und mathematische Präzision sind in Finanzberufen gefragt.
  11. Programmmanager: Die Fähigkeit, komplexe Aufgaben zu organisieren und zu koordinieren, ist in dieser Position wichtig.

Strategien für autistische Menschen und ihre Unterstützer

  1. Selbstkenntnis entwickeln: Verständnis für eigene Bedürfnisse und Grenzen schaffen, um sich in verschiedenen Situationen zurechtzufinden.
  2. Kommunikationstraining: Effektive Kommunikationsstrategien erlernen, um klar auszudrücken und Missverständnisse zu vermeiden.
  3. Routine pflegen: Regelmässige Routinen schaffen Sicherheit und Vorhersehbarkeit.
  4. Sensory Self-Care: Herausfinden, welche sensorischen Reize angenehm oder unangenehm sind und Strategien entwickeln, um sich in verschiedenen Umgebungen wohlzufühlen.
  5. Entspannungstechniken: Lernen von Entspannungstechniken wie Meditation oder tiefer Atmung, um mit Stress umzugehen.
  6. Soziale Fähigkeiten üben: Arbeiten an sozialen Fähigkeiten, nonverbale Signale und soziale Normen verstehen.
  7. Selbsthilfegruppen: Austausch mit Gleichgesinnten kann sehr unterstützend sein.
  8. Professionelle Unterstützung: Keine Scheu, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, um spezifische Herausforderungen zu bewältigen.
  9. Stärken betonen und Selbstakzeptanz fördern: Fokus auf eigenen Stärken legen und sich mit allen Eigenheiten akzeptieren. Jeder ist wertvoll, genau so, wie er ist.

2.) Autismus im Alltag: Fragen und Antworten zu Herausforderungen und Bewältigungsstrategien

1.) Welche Bewältigungsstrategien entwickeln nicht-diagnostizierte Autisten, um sich in der Welt zurechtzufinden?

Menschen im Autismus-Spektrum, die sich ihrer Diagnose nicht bewusst sind, können verschiedene Bewältigungsmechanismen entwickeln, um sich anzupassen. Dazu gehören das Imitieren sozialer Verhaltensweisen, das Auswendiglernen von sozialen Interaktionen und das Unterdrücken authentischer Reaktionen. Diese Anpassungsstrategien können jedoch zu emotionaler Erschöpfung und Überstimulation führen.

2.) Ist es für nicht-diagnostizierte Autisten nicht anstrengend, sich ständig anzupassen und soziale Normen zu erfüllen?

Doch, es ist sehr anstrengend für Menschen im Autismus-Spektrum, die sich ihrer Diagnose nicht bewusst sind, sich ständig anzupassen und soziale Normen zu erfüllen. Der Druck, sich anzupassen, kann zu Angstzuständen, Stress und einem ständigen Gefühl der Unsicherheit führen. Es ist wichtig zu betonen, dass autistische Menschen Unterstützung und Verständnis benötigen, um ihre individuellen Herausforderungen besser bewältigen zu können.

3.) Was bedeutet es für Menschen im Autismus-Spektrum, wenn sie von sensorischer Überlastung betroffen sind? Warum ziehen sie sich manchmal (für Tage) zurück, um mit dieser Überstimulation umzugehen?

Menschen im Autismus-Spektrum können bei übermässiger sensorischer Reizung überfordert sein, sei es durch laute Geräusche, grelles Licht oder starke Gerüche. Diese Überflutung von Reizen kann zu einem Rückzug führen, wenn sie versuchen, sich in einer ruhigen Umgebung zu regenerieren. Durch diesen Rückzug versuchen sie, die Stimulation zu reduzieren und ihre Emotionen zu bewältigen.

4.) Wie kann die Umwelt helfen, wenn jemand im Autismus-Spektrum von sensorischer Überlastung betroffen ist?

Die Umgebung (Freunde, Familie, Partner) kann helfen, indem sie Ruhe und Raum bietet, klare Kommunikation sicherstellt, empathisch und geduldig ist und individuelle Bedürfnisse respektiert.

5.) Warum empfinden Autisten oft Schwierigkeiten bei körperlichen Berührungen im Alltag und warum müssen solche Berührungen für sie ritualisiert und vorhersehbar sein?

Autisten erleben oft eine intensive Wahrnehmung ihrer Umgebung und müssen diese genau beobachten, um nicht aufzufallen. Körperliche Berührungen sind für viele Autisten überwältigend, es sei denn, sie sind ritualisiert und vorhersehbar, mit einem klaren Anfang und Ende. Andernfalls können die vielen Eindrücke zu viel werden oder es entsteht die Angst vor dem Verlust der Kontrolle. Hierfür braucht es Mitgefühl, Verständnis und viel Geduld - von allen Seiten.
Ich zum Beispiel verpasse meinen Freunden gerne mal einen freundschaftlichen Klaps - kommt bei meinen Autismus-Freunden gar nicht gut an.

6.) Unter welchen Umständen erfahren Autisten psychische Zusammenbrüche, aggressive Ausbrüche oder Verstimmungen sowie sogenannte "Shutdowns", und warum treten diese Reaktionen auf?

Autisten können aufgrund von Überstimulation, Änderungen im Routineverhalten, sensorischer Überlastung oder Schwierigkeiten in sozialen Situationen psychische Zusammenbrüche, aggressive Ausbrüche, Verstimmungen, Panikattacken, oder "Shutdowns" erleben. Diese Reaktionen können durch Überforderung, Stress und Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation ausgelöst werden.

7.) Wie sollten Autisten und ihre Umgebung idealerweise auf psychische Zusammenbrüche, aggressive Ausbrüche, Verstimmungen oder "Shutdowns" reagieren?

In solchen Situationen ist es wichtig, Autisten Raum und Zeit zur Selbstregulation zu geben. Unterstützung durch beruhigende Aktivitäten, das Entfernen von Reizen und eine ruhige Umgebung können helfen. Es ist entscheidend, Verständnis und Geduld zu zeigen, ohne Druck auszuüben. Kommunikation sollte klar und direkt sein, und es ist hilfreich, vorher festgelegte Strategien zur Bewältigung zu verwenden. Angehörige, Freunde, Partner und oder Betreuer sollten sich bewusst sein, dass jede Person unterschiedlich reagiert, und individuelle Bedürfnisse und Vorlieben respektieren.

8.) Welche positiven Veränderungen können sich nach einer Autismus-Diagnose ergeben?

Nach einer Autismus-Diagnose erleben viele Menschen positive Entwicklungen. Sie gewinnen ein tieferes Selbstverständnis, akzeptieren ihre Stärken und Herausforderungen. Zudem fördert die Diagnose das Familienverständnis, vertieft die Einblicke in das Verhalten des autistischen Familienmitglieds und stärkt den Familienzusammenhalt. Im sozialen Bereich verbessern sich oft das Management sozialer Interaktionen sowie der Aufbau von Beziehungen, nicht selten durch Teilnahme an sozialen Fähigkeitstrainings oder Gruppen. Schließlich führt die Autismus-Diagnose zu einer gesteigerten Eigenakzeptanz, stärkt das Selbstwertgefühl und vermittelt das Bewusstsein, dass die individuelle Einzigartigkeit einen wertvollen Platz in der Gesellschaft hat.

9.) Was empfinden Autisten als fremdartig an Nicht-Autisten?

Autisten können soziale Normen und nonverbale Signale oft anders wahrnehmen, was zu einem Gefühl der Fremdartigkeit gegenüber Nicht-Autisten führen kann. Die Art der sozialen Interaktion und Kommunikation bei Nicht-Autisten kann für Autisten oft schwer verständlich sein, was zu Missverständnissen und Unsicherheit führen kann.

10.) Soll oder darf man Menschen ansprechen, wenn man das Gefühl hat, dass sie sich im Autismusspektrum befinden?

Es ist wichtig, in dieser Situation respektvoll und sensibel vorzugehen. Es ist nicht angemessen, jemanden direkt auf das Autismusspektrum anzusprechen, es sei denn, du bist eine nahestehende Person und hast eine vertrauensvolle Beziehung zur betreffenden Person. Selbst dann ist es wichtig, einfühlsam zu sein und den persönlichen Raum und die Privatsphäre zu respektieren.

Im beruflichen oder öffentlichen Kontext ist es besser, allgemein unterstützende und inklusive Verhaltensweisen zu zeigen, anstatt direkt auf das Autismusspektrum anzusprechen. Sei geduldig, höre aufmerksam zu und sei respektvoll gegenüber den Bedürfnissen und Grenzen anderer Menschen, unabhängig davon, ob sie sich im Autismus-Spektrum befinden oder nicht.

11.) Sollen Menschen im Autismus-Spektrum ihr Umfeld über ihre Diagnose informieren?

Die Entscheidung, das Umfeld über die Autismus-Diagnose zu informieren, liegt ganz bei der betroffenen Person. Es ist wichtig, dass sie sich wohlfühlt und selbstbestimmt entscheidet, wem sie von ihrer Diagnose erzählen möchte. Wenn die Person sich dazu entscheidet, kann sie dies in einem ruhigen, unterstützenden Umfeld tun. Offene Kommunikation und das Teilen von Informationen über Autismus können zu einem besseren Verständnis und einer unterstützenden Umgebung führen, sowohl im persönlichen als auch im beruflichen Leben. Es ist hilfreich, die individuellen Bedürfnisse und Grenzen zu berücksichtigen und sich darauf zu konzentrieren, wie diese Informationen das Wohlbefinden und die Akzeptanz fördern können.

12.) Können Menschen im autistischen Spektrum "echte" Gefühle empfinden?

Ja, Menschen im autistischen Spektrum erleben genauso wie Nicht-Autisten echte Gefühle. Ihre Emotionen, sei es Liebe, Freude, Trauer oder Wut, sind authentisch und intensiv. Obwohl ihre Art, Emotionen auszudrücken und zu verstehen, variieren kann, bedeutet das nicht, dass ihre Gefühle weniger echt oder gültig sind. Es ist entscheidend, ihre Emotionen zu respektieren und zu akzeptieren, dass sie Emotionen auf ihre eigene einzigartige Weise erleben und ausdrücken.

3.) Welches sind häufige Missverständnisse zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen?

Die Kommunikation zwischen Menschen mit Autismus und Menschen ohne Autismus kann manchmal herausfordernd sein, da es unterschiedliche Wahrnehmungen, Denkweisen und Kommunikationsstile gibt. Hier sind einige häufige Missverständnisse zwischen Nicht-Autisten und Autisten:

1. Nonverbale Kommunikation:

  • Missverständnis: Autisten könnten nonverbale Signale wie Mimik und Gestik nicht verstehen oder angemessen darauf reagieren.
  • Realität: Autisten können Schwierigkeiten haben, nonverbale Signale zu interpretieren, aber das bedeutet nicht, dass sie keine Emotionen empfinden oder verstehen können. Klare und direkte Kommunikation ist oft hilfreicher.

    Wichtig zu verstehen: 
  • Autisten verfügen häufig über begrenzte Kenntnisse in Bezug auf Körpersprache und nonverbale Ausdrucksweise. In sozialen Situationen müssen sie sich oft bewusst anstrengen, um diese Fähigkeiten einzusetzen und sich angemessen auszudrücken.

2. Soziale Interaktion:

  • Missverständnis: Autisten werden als sozial uninteressiert oder unfähig wahrgenommen, da sie oft sozialen Situationen ausweichen.
  • Realität: Autisten können sehr wohl soziales Interesse haben, aber sie bevorzugen oft strukturierte und vorhersehbare soziale Interaktionen. Soziale Situationen können überwältigend sein, daher ziehen sie manchmal zurück.

3. Sensory Overload (sensorische Überlastung):

  • Missverständnis: Autisten reagieren überempfindlich auf sensorische Reize wie Licht, Geräusche oder Berührungen, was als übertriebene Empfindlichkeit interpretiert wird.
  • Realität: Autisten können überempfindlich auf sensorische Reize reagieren, was zu Überlastung führen kann. Es ist wichtig zu verstehen, dass ihre Empfindungen real und oft intensiver sind, was ihre Reaktionen erklärt.

4. Wortwörtlichkeit:

  • Missverständnis: Autisten verstehen meist keine Metaphern oder Ironie und nehmen alles wörtlich.
  • Realität: Autisten können Schwierigkeiten mit nicht-wörtlicher Sprache (Kommunikation ohne den Einsatz von Worten. Sie erfolgt durch Gesten, Mimik, Tonfall, Körpersprache und andere nonverbale Ausdrucksformen) haben, aber das bedeutet nicht, dass sie keine metaphorischen Sprachfiguren verstehen können. Klar und direkt zu sprechen ist oft hilfreich.
  • Ausserdem: Für Autisten kann es herausfordernd sein, wenn sachliche und persönliche Themen, z.B. in einem Businessmeeting vermischt werden. Sie bevorzugen oft klare und direkte Kommunikation ohne unnötige emotionale Nuancen. Eine klare Trennung zwischen geschäftlichen und persönlichen Gesprächen ermöglicht Autisten, sich besser zu konzentrieren und die Informationen angemessen zu verarbeiten. Vermischte Themen können zu Verwirrung führen und die Effektivität der Kommunikation beeinträchtigen. Es ist daher hilfreich, in geschäftlichen Kontexten klare und strukturierte Gespräche zu führen.

    Was könnte man in so einer Situation tun - ohne sich als autistische Person outen zu müssen? 
  1. Beobachtung und Nachahmung: Autisten können versuchen, sich an den Reaktionen und Verhaltensweisen anderer im Meeting zu orientieren, um zu verstehen, was als sachlich, persönlich oder ironisch betrachtet wird.
  2. Fragen stellen: Es ist akzeptabel, unauffällig nachzufragen, wenn etwas unklar ist. Autisten könnten höflich und neutral fragen, um Missverständnisse zu vermeiden, ohne ihre Diagnose zu offenbaren.
  3. Notizen machen: Das Schreiben von Notizen während des Meetings kann helfen, die verschiedenen Arten von Informationen zu organisieren und später besser zu verstehen, was sachlich, persönlich oder ironisch war.
  4. Selbstreflexion: Autisten können in Ruhe über die Gespräche nachdenken und reflektieren, um ein besseres Verständnis für die verschiedenen Kommunikationsarten zu entwickeln.
  5. Hilfe von Kollegen/Freunden/Partner: Wenn es eine vertrauensvolle Beziehung zu einem Kollegen gibt, könnten Autisten in privaten Gesprächen um Hilfe bitten, um zu verstehen, wie bestimmte Aussagen zu interpretieren sind.

5. Routinen und Strukturen:

  • Missverständnis: Autisten sind unnötig stur, wenn es um ihre Routinen und Strukturen geht.
  • Realität: Autisten können sich sicherer fühlen, wenn sie klare Strukturen und Routinen haben. Veränderungen können sie überfordern, daher ist es wichtig, Anpassungen rechtzeitig anzukündigen und zu besprechen.

6. Interessen und Fixationen:

  • Missverständnis: Autistische Fixationen sind ungesund oder beschränkend.
  • Realität: Autisten können intensive Interessen und Fixationen haben, die ihnen helfen, sich zu beruhigen und zu fokussieren. Diese Interessen können sehr bereichernd sein und zu Fachkenntnissen führen.

7. Empathie:

  • Missverständnis: Autisten werden als empathielos wahrgenommen, weil sie Schwierigkeiten haben, die Emotionen anderer zu erkennen.
  • Realität: Autisten können Empathie empfinden, aber auf ihre eigene Art und Weise. Sie können Schwierigkeiten haben, emotionale Signale zu erkennen, aber das bedeutet nicht, dass sie keine Empathie für andere empfinden können.

Es ist wichtig zu betonen, dass Autismus ein breites Spektrum von Eigenschaften und Fähigkeiten umfasst. Jeder Mensch ist ein Individuum, und es ist entscheidend, ihre Stärken und Bedürfnisse zu respektieren, um eine effektive Kommunikation und Interaktion zu ermöglichen. Akzeptanz, Geduld und ein offener Dialog können dazu beitragen, Missverständnisse zu minimieren und die Beziehungen zwischen Autisten und Nicht-Autisten zu verbessern.

4.) Tipps für Nahestehende im Umgang mit autistischen Menschen

Der Umgang mit autistischen Menschen erfordert spezifisches Verständnis und Empathie:

  • Empathie und Geduld: Sei geduldig und einfühlsam gegenüber den spezifischen Bedürfnissen und Herausforderungen der Person.
  • Klare Kommunikation: Kommuniziere klar und direkt, ohne doppelte Botschaften oder Metaphern.
  • Respektiere individuelle Grenzen: Achte auf sensorische Empfindlichkeiten und respektiere persönliche Raumgrenzen.
  • Sensibilisierung entwickeln: Informiere dich über Autismus, um besser zu verstehen, wie du unterstützen kannst.
  • Flexibilität zeigen: Sei flexibel und respektvoll gegenüber den Routinen und Vorlieben der Person.
  • Unterstützung anbieten: Biete Hilfe an, ohne die Unabhängigkeit der Person zu beeinträchtigen.
  • Positive Verstärkung: Ermutige positive Verhaltensweisen durch Lob und Bestärkung.
  • Geduld beim sozialen Lernen: Sei geduldig und ermutige die Person, sich in ihrem eigenen Tempo zu entwickeln.
  • Gespräche führen: Höre zu und ermutige die Person, ihre Gedanken und Gefühle auszudrücken.
  • Selbstpflege: Denke an deine eigenen Bedürfnisse und suche Unterstützung, um dich selbst zu pflegen und geduldig zu bleiben.
  • Akzeptanz und Respekt: Akzeptiere die Person mit Autismus so, wie sie ist, und respektiere ihre Individualität.
  • Klare Struktur bieten: Strukturierte Umgebungen und klare Abläufe können Sicherheit vermitteln. Halte dich an Routinen, wenn möglich.
  • Verbale und nonverbale Kommunikation beachten: Beachte nicht nur die gesprochenen Worte, sondern auch die Körpersprache und andere nonverbale Signale.
  • Geduld beim Verständnis: Verstehe, dass autistische Personen oft mehr Zeit benötigen, um Informationen zu verarbeiten oder Entscheidungen zu treffen.
  • Ruhepausen ermöglichen: Gebe der Person Raum für Rückzug, wenn sie überfordert ist. Dies kann helfen, Überstimulation zu vermeiden.
  • Positive Bestärkung nutzen: Lob und positive Verstärkung können helfen, gewünschtes Verhalten zu fördern und das Selbstvertrauen zu stärken.
  • Gemeinsame Interessen finden: Identifiziere gemeinsame Aktivitäten oder Interessen, um die Beziehung zu stärken und positive Erfahrungen zu teilen.
  • Einfache Sprache verwenden: Formuliere Anweisungen und Fragen klar und einfach, um Missverständnisse zu vermeiden.
  • Toleranz gegenüber Unvorhergesehenem: Verstehe, dass unerwartete Veränderungen im Umfeld oder im Ablauf herausfordernd sein können. Sei geduldig und unterstützend.
  • Förderung der Selbstständigkeit: Ermutige autistische Personen dazu, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und unabhängiger zu werden, während du gleichzeitig Unterstützung anbietest, wenn nötig.
  • Selbstreflexion: Nimm dir Zeit, um deine eigenen Emotionen und Reaktionen zu reflektieren. Dies kann dir helfen, einfühlsamer und verständnisvoller im Umgang mit der Person zu sein.

5.) Last but not least: Warum können Menschen im autistischen Spektrum ausgezeichnete Freunde und Lebenspartner sein?

Menschen im autistischen Spektrum können grossartige Freunde und Partner sein, weil sie oft besondere Eigenschaften und Qualitäten besitzen, die eine Bereicherung für Beziehungen darstellen. Diese können unter anderem sein:

  1. Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit: Viele Menschen im autistischen Spektrum sind aufrichtig und verlässlich, was dazu beiträgt, starke und stabile Beziehungen aufzubauen.
  2. Treue und Engagement: Wenn sie sich für eine Beziehung entscheiden, sind sie oft äusserst engagiert und treu, was Sicherheit und Vertrauen schafft.
  3. Spezialinteressen: Autistische Menschen können leidenschaftlich in ihre Spezialinteressen eintauchen, was dazu führen kann, dass sie ihr Wissen und ihre Fähigkeiten in die Beziehung einbringen und ein faszinierendes Element in das Leben ihrer Partner einbringen.
  4. Empathie auf ihre eigene Art: Obwohl die soziale Interaktion für einige autistische Menschen eine Herausforderung sein kann, können sie dennoch eine tiefe Empathie für die Gefühle und Bedürfnisse ihrer Freunde und Partner entwickeln.
  5. Kreativität und Originalität: Viele Menschen im autistischen Spektrum denken auf einzigartige Weisen, was zu innovativen Ideen und Lösungen in der Beziehung führen kann.
  6. Geduld und Verständnis: Sowohl autistische Menschen als auch ihre Freunde oder Partner können von der Erfahrung profitieren, Geduld und ein tieferes Verständnis für Unterschiede in der Kommunikation und im Verhalten zu entwickeln.

Sind autistische Frauen anders als autistische Männer? Eine mögliche Antwort findest du in diesem Blog.

Beratungsstellen

In der Schweiz, Österreich und Liechtenstein gibt es verschiedene Anlauf- und Beratungsstellen für Autismusbetroffene. Hier sind einige Organisationen und Einrichtungen, die Unterstützung bieten können:

Autismus Schweiz: Die nationale Dachorganisation für Autismus in der Schweiz bietet Informationen, Beratung und Unterstützung für Menschen im Autismus-Spektrum und ihre Familien. Website: Autismus Schweiz

Autismus Austria: Der österreichische Bundesverband für Autismus bietet Informationen, Beratung und Unterstützung für Menschen mit Autismus und ihre Familien. Website: Autismus Austria

Verein Autistenhilfe Österreich: Dieser Verein bietet Unterstützung für Menschen mit Autismus und deren Familien in Form von Beratung, Workshops und Selbsthilfegruppen. Website: Verein Autistenhilfe Österreich

Autismus Deutschland e.V. (Dachverband der deutschen Autismus-Selbsthilfevereine):
Website: www.autismus.de

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